Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 8 (1.9.1891)
- Date
- 1891-09-01
- Page
- Seite 186 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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durch Antisemiten geleiteten Skandalliteratur auftreten. In Rußland ist es der arme Jude, der elende Jude — und in keinem Lande der Welt sind die Juden elender und ärmer — welcher der Gegenstand des Hasses und der Verachtung ist. Gewiß unangenehm ist es, zu sehen, wie schmutzig er ist und wie wenig er den Vergleich mit den schönen Gardeoffizieren aushalten kann. Aber sein physisches Elend erklärt sich nur zu gut durch das schreckliche Gesetz, welches auf ihm lastet. Wenn man von einem russischen Antisemiten verlangt, daß er seine Beschwerden gegen die Juden genau bezeichne und zu gleicher Zeit die Statistik befragt, so Mdet man, daß es eingebildete Beschwerden sind. Es ist schon über die Anschuldigung gegen sie, unreinlich im Militärdienst zu sein, gesprochen worden, die Ziffern antworten hierauf. Man sagt ferner: „die Juden wollen sich nicht der Handarbeit hingeben." Nun, im Jahre 1888 gab es auf 24,000 Juden des Territoriums 12 pCt. Arbeiter, während es in Frankreich nur 10 pCt. gab, 9—10 pCt. in Preußen. Man sagt: „Die Juden wollen sich nicht mit dem Ackerbau beschäftigen." Aber man verbietet ihnen ja, den Boden zu kaufen oder zu mieten. Uebrigens sind seit einigen Jahren Tausende von Juden nach Palästina ausgewandert, nach den Vereinigten Staaten und nach Südamerika: und sie sind ausgezeichnete Ackerbauer geivorden, obschon sie durchaus unwissend waren bei ihrer Ankunft in diesen Ländern, sowohl hinsichtlich des Bodens, als auch der Sprache. Wenn die von dem Kaiser Nikolaus gegründeten jüdischen Ackerbaukolonieen nicht, was man hoffe, geleistet haben, so hängt das von der Art und Weise, mit der dieser Versuch von der russischen Bureaukratie gemacht wurde, ab. Aber noch die schwerste Anklage: „Die Juden sind Wucherer." Nun, zuerst haben drei Viertel der Juden des Territoriums nichts und man kann nichts verleihen, was man nicht hat; zweitens ist die Taxe des den Bauern geliehenen Geldes im Durchschnitte 50 p Et. niedriger in dem jüdischen Territorium, als in dem übrigen Rußland. Man sagt, die Juden treiben die Bauern zum Trünke. Aber selbst Katkof, ein Antisemit, antwortet: es giebt weniger Trunkenbolde in dem Südweften Rußlands, als überall anderwärts. Das sind wiederum unleugbare, offizielle Thatsachen; was bleibt denn dann noch von den Anklagen der Antisemiten, wenn nicht die, daß die russischen Juden schmutzig und elend seien? Aber wie sollten sie es nicht sein, aufgehäuft, wie sie sind, in Städten, wo alles, was ihre Lage bessern könnte, ihnen untersagt ist? Ist es erlaubt, die Leute in eine Düngergrube zu werfen und ihnen dann vorzuwerfen, daß sie schmutzig seien. Eine andere Verordnung von Kaiser Nikolaus untersagt den Juden, weniger als fünfzig Kilometer von der Grenze zu wohnen. Unter der Herrschaft einer relativen Toleranz ward dieses Gesetz nicht strenge gehandhabt. Die trüben Tage sind gekommen und Tausende von Individuen sind gegen die Städte hingedrängt worden. Man hat mit der österreichischen Grenze begonnen; man droht, die Gesetzvollstreckung an der deutschen Grenze fortzusetzen, ja sogar die Militärzone zu verdoppeln, welche den Juden untersagt ist. Was am schrecklichsten ist in der Verfolgung, deren Opfer die Juden sind, ist das, daß-die Unterbeamten oft nach Belieben die Strenge ausüben, die ihnen von hoher Stelle vorgeschrieben ist. Man sagt, daß für eine große Zahl derselben dies ein Mittel ist, Geld zu gewinnen und diese Anklage ist um so weniger geeignet, Erstaunen zu erregen, als man sich den Antisemitismus nicht ohne Erpressung denken kann. Ein russisches Journal vom 7. Septbr. 1890 „Die Woche" schrieb, daß die den Juden auferlegten Zwangsmaßregeln keine andere Wirkung haben, als den Behörden, welche die Gesetze anzuwenden haben, Einkünfte zu ver-