Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 8 (1.9.1891)
- Date
- 1891-09-01
- Page
- Seite 182 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Jur Lage der Juden in Mußkand. Von allen Seiten wünscht man Auskunft über die Israeliten Rußlands und über die Lage, welche die letzten Regierungsniaßnahmen ihnen bereitet haben. Um die Bedeutung der gegenwärtigen Verhältnisse zn würdigen, muß man vor Allem die Thatsachen genau kennen; aber eben diese scheinen im westlichen Europa wenig bekannt zu sein und selbst nicht einmal genügend in Rußland. Denn ivenn der gute und edelmütige Fürst, welcher das Geschick des russischen Reiches leitet, nicht systematisch im Irrtum gehalten würde, wenn die Wahrheit, der eine ganze Armee von Beamten und Wachen den Zutritt zu den kaiserlichen Palästen verwehrt, zu ihm dringen könnte, so würde nicht erst morgen, sondern schon heute dieser Alpdruck einer religiösen Verfolgung, welche ohne Beispiel in unserm Jahrhunderte der Freiheit und des Fortschritts dasteht, aufhören, auf dem Geivissen Rußlands zu lasten. Hier mögen einige Thalsachen und Dokumente folge», die ihre Lehre in sich selbst führen. Von den 7—8 Millionen Juden, welche gegenwärtig existieren, leben in Rußland mindestens 4 Millionen. Aber diese Israeliten sind nicht auf der ganzen Oberfläche des russischen Reiches verteilt. Gewaltmaßregeln, welche in das vergangene Jahrhundert zurückreicheu, haben sie in dem südwestlichen Gebiete eingeschlossen, dort befinden sich die zehn Gouvernements des alte» Königreiches Polen und die fünfzehn Gouvernements, weiche das sogenannte „jüdische Gebiet" umfasse». Es ist wahr, daß es auch Juden außer diesem Gebiete giebt, aber sie können hier ihren Aufenthalt nur unter gewissen, sehr harten Bedingungen, die schwer zu erfüllen sind, nehmen. Seit Alexander II. werden zu dem Aufenthalte anßer dem Gebiete zngelasfen: 1. die Israeliten, welche Universitätsgrade besitzen, 2. die Kaufleute, welche der ersten Gilde angehören, das heißt, hohe Steuern bezahlen und ein großes Vermögen besitzen, 3. die „geschickten Handwerker". Bevor wir weiter gehen, werfe» wir noch einen Blick auf die abwechselnde moskowitische Politik gegenüber den Juden. Seit der Regierung Alexanders 1. wechselte das Verfahren gegen die Juden je nachdem die Toleranzideeu oder der Geist einer gesunden politischen Oekonomie in den hohen Kreisen in Gunst standen. Unter Alexander II. war die Toleranz fast Regel und tausende von jüdischen Familien konnten sich außer dem Gebiete niederlasse»; nach dem Tode dieses tief und aufrichtig bedauerten Fürsten nahmen die Dinge schnell eine andere Wendung. Das Ende des Jahres 1881 und der Anfang von 1882 wurden dnrch Aufstände bezeichnet, bei welchem das jüdische Blut in Strömen floß, ohne daß die russische Negierung ivirksame Maßregeln ergriff, sie zu verteidigen. Es ist heute, nach dem Geständnisse der aufgeklärtesten Russen, feststehend, daß die Urheber dieser Gräuelthaten nicht durch die Raubgier der Inden erbitterte Bauern, sondern Plünderer waren, wie man sie allerwärts antrifft, und Einfältige, welche ein frommes Werk auszuüben glaubte», wenn sie Ketzern Böses zufügten. Dann kamen die berühmten Maigesetze von 1882, ausgearbeitet von dem General Jgnatiesf, einem der eifrigsten Anstifter des Antisemitismus. Hier davon der offizielle Text: Der Ministerrat, in Anbetracht des Berichtes des Ministers des Innern, über die Ausführung der zeitlichen Verordnungen, betreffend die Israeliten, beschließt: