Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 7 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 156 — sich durch keine Verlockung oder Drohung zum Abfall und Uebertritt verleiten läßt: — müssen wir da nicht den Odem des Frühlingshauches verspüren, der unsere Gebeine umweht? müssen da nicht auch die Gleichgültigen, die Schwankenden und Wankenden in unserer Mitte an sich die Aufforderung gerichtet fühlen: Beobachte den Frühlingsmonat und feiere ein Ueberschreitungsfest dem Ewigen deinem Gotte? O, ich weiß es sehr wohl, ihr habt oft ungläubig gelächelt, wenn ihr von dieser Stätte aus von der Ewigkeit und Unvergänglichkeit der jüdischen Religion habt reden hören, wenn euch verkündet wurde, der Glaube Israels gleiche einer festen Säule, an welche die gesammte Menschheit sich werde anlehnen müssen, wenn sie eine Stütze suche gegen den verheerenden Anprall des Unglaubens und des Aberglaubens; ihr hieltet das für Selbsttäuschung, für eine naive Befangenheit, für eine Art von Schwärmerei, die ihr nicht mitmachen mochtet, ihr sähet nur die aufgeblühte Rosenpracht der herrschenden Kirchen, und die zarten und doch unzerstörbaren Triebe an dem Stamnie der mosaischen Lehre sie schienen euch unrettbar den rauhen Nachtfrösten zum Raube dahingegeben, die schon so manche Hoffnungsblüten Israels vernichtet haben. Wollet ihr auch setzt noch solch' pessimistischer Anschauung huldigen, auch jetzt noch von der starren Winterkälte euch umfangen halten, die allzulange schon eure Thatkraft hemmte, eure Lebensfrendigkeit beeinträchtigte und euer Selbstbewußsein in eherne Bande schlug? Wollet ihr auch jetzt noch mit Bedauern auf eure Kinder blicken, dieweil sie in ihrer Zugehörigkeit zum Judentum eine Fessel mit sich Herumschleppen, die ihnen in ihren Bewegungen ans Schritt und Tritt hinderlich ist, und die, selbst wenn sie sie abgeworfen haben, durch die Spuren und Einschnitte, welche sie zurückläßt, ihre Gangart verlangsamt und ihr Emporglimmen niühevoll und beschwerlich macht? Nein, das hieße die jüdische Natur ganz und gar verleugnen, hieße nicht bloß allen Idealen entsagen, welche die Brust unserer Väter inmitten des grausigsten Druckes schwellen machten, sondern auch den klaren Blick in die Zukunft verlieren, den unser Stamm sich stets bewahrt hat. Man rühmt uns, und wohl nicht mit Unrecht, ein feines Verständnis für die Forderungen der Zeit, ein richtiges Gefühl für die bewegende Kraft nach, die in den verschiedenen Generationen die Menschen nach verschiedenen Richtungen treibt. Besitzen wir dieses Verständnis noch, ist uns dieses Gefühl nicht abhanden gekommen: nun, so kann es uns nicht entgangen sein, daß für uns ein neuer Frühling anbricht oder doch langsam und unaufhaltsam herannaht. ein Frühling, der mit den wenigen sonnigen Tagen, die auch zur Winterszeit sich bisweilen einstellen, sich nicht vergleichen läßt, nein, ein wirklicher durch frischen, kräftigen Windhauch sich ankündigender Frühling, in welchem die dunstigen Nebel der bloßen Duldsamkeit sich verziehen und der tiefblaue Himmel der Gerechtigkeit der Wahrheit und Freiheit über uns erstrahlen wird. Wohl sind es vorläufig nur vereinzelte Friedenstauben, die in unserem Lande gehört werden, und das widrige Gekrächze der Nachtenlen ist noch stärker als sie, doch das Gute und Heilsame, das wissen wir, bricht nur allmählig, aber stetig fortschreitend sich Bahn, und die Zeichen der Zeit trügen nicht, sie sind unzweideutig und hoffnungsreich für unsere gute Sache. Wie der Frühling in der Natur mitunter aufgehalten wird durch einen scharfen Nordost, der über die Fluren dahinbraust und den letzten ohnmächtigen Versuch macht, des Winters Herrschaft über Gebühr auszudehnen: so wird auch der Frühling der Menschlichkeit und der Gesittung nur verzögert, doch nimmermehr zurückgedrängt durch