Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 7 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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155 Dankeshymnen überfließen, mächtiger und hinreißender als damals, da Mirjam in die Saiten griff. Denn dein innerster Kern iss gesund geblieben, und auch die häßliche Kruste, die in der Winternacht sich um deine Schale gebildet, hat, von der Sonne der neuen Zeit beglänzt, schon zu weichen begonnen und wird bald ganz verschwunden sein. Dein Sinn für Wahrheit und Recht, für Sittlichkeit und Nächstenliebe ist heute noch so lebendig wie in der Glanzepoche deiner Geschichte, und auch dein religiöses Empfinden, so selten es sich äußert, so vorsorglich du selbst es verbirgst, es ist noch so rege, es schläft nur im abgelegenen Winkel deines Herzens, wird aber wach, sobald der Mosesstab pietätsvoller Erinnerung es berührt. Darum laßt sie nur toben die brausenden Stürme der Unduldsamkeit, laß sie nur lärmen die Kämpen des Religions- und Rassenhasses, die Sprache, die du führst, tönt wohl für den Augenblick nicht so laut, ist nicht so wirkungsvoll für die große Menge, kann aber auf die Dauer nicht überhört werden, ihr sanft mahnender Schall dringt von Zone zu Zone, denn es. ist die Sprache der Menschlichkeit, der Freiheit und der Gerechtigkeit. Schon haben aus allen Gauen unseres Vaterlandes Männer in beträchtlicher Anzahl, darunter Männer mit hochberühmten Namen, sich zusammengefnnden, um gemeinsam die Giftpflanze auszujäten, die seit länger als einem Jahrzeut unsere Fluren so häßlich entstellt und den verpesteten Hauch des Glaubens- und Menschenhasses nach allen Richtungen hat ausströmen lassen; und wenn wir uns auch vor der Selbsttäuschung hüten, als könnte das Heil des Judentums von auswärts kommen, als vermöchten noch so wohlgemeinte Bestrebungen im nichtjüdischen Lager uns die Zukunft zu verbürgen und uns wirksamen Schutz gegen feindselige Strömungen zu gewähren, so müßten wir doch mit Blindheit geschlagen sein, wollten wir solche erfreuliche Zeichen nicht als Frühlingsboten erkennen und froh begrüßen, und unser Herz müßte verhärtet sein, wollten wir, etwa aus Mißmut, weil diese Vereinigung zur Abwehr einer schmachvollen Bewegung so spät zu Stande gekommen, ihre Bedeutung unterschützen, die sie in weiten Kreisen des deutschen Volkes hervorzurufen geeignet ist. Und nicht der einzige Frühlingsbote war dies, der in dem verflossenen langen und harten Winter uns liebliche Hoffnungsbilder vor die Seele zauberte; wichtiger als die rückhaltlose Anerkennung der unveräußerlichen Rechte völliger Gleichheit, wichtiger und bedeutungsvoller als der Kampf gegen eingewurzelte alte und künstlich genährte neue Vorurteile ist die Anerkennung, die der jüdischen Glaubenslehre, dem jüdischen Gottesbegriffe aus der Feder und aus dem Munde hervorragender und geistig hochstehender Bekenner anderer Religionen geworden ist. Wenn das Heil der Welt, die Zukunft der Menschheit als unzertrennlich verbünde» mit der Religion des Jesaias bezeichnet wird; wenn die Lehre von der Einheit Gottes, wie das Judentuin sie schon im grauen Altertums aufgestellt und entwickelt hat, zum Ausgangspunkte aller vernünftigen höheren Erkenntnis gemacht wird; wenn ein in der wissenschaftlichen Welt durch seine verdienstvollen Leistungen rühmlichst bekannter christlicher Gelehrter in einem öffentlichen Vortrage es ausspricht: das Judentum hat durch seine felsenfeste Standhaftigkeit und Glaubenstreue allen Menschenkindern einen hohen, unschätzbaren Dienst geleistet, indem es das Kleinod seines reinen, unverfälschten Gottesbegriffes vor jeder Trübung und Verdunkelung bewahrte, und es wird seine segensreiche Mission erfüllen, wenn es auch in Zukunft an seinen Grundsätzen festhält und