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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-08-01 · Heft 7 (1.8.1891) · p. Seite 154

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 7 (1.8.1891)
Date
1891-08-01
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
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154 Blick ihn nicht beobachtet, wohin des einsamen Wanderers Fuß nicht dringt, Spuren seiner beseligenden Gegenwart zurückläßt. O, laß ihn dein Lehrmeister sein, sei du sein treuer Jünger, sein folgsamer 'Schüler, laß von ihm dich führen an die Stätten der Armut und des Elends, verscheuche die trüb winterliche Stimmung, die dort herrscht, durch den Druck deiner freigebigen Hand. Die Thautropfen der Dankbarkeit, die in den Augen der Hilflosen erglänzen, fallen erfrischend und erquickend in dein Gemüt, sie verklären dein Antlitz, schimmern als edle Perlen, dich lieblich schmückend, an deinem Halse nieder. Dann feierst du ein schönes, frohes Ueberschreitnngsfest dem Herrn, dann bekundest du, daß du aus Mizrajim, aus der Enge selbstsüchtiger Anschauungen und Empfindungen dich befreit hast, daß die Nacht dünkelhafter Eigenliebe von deiner Seele gewichen ist, und der Sonnenglanz des Erbarmens dein Inneres erwärmt. „Beobachte den Frühlingsmonat," -du von des Lebens rauher Hand Wildgeschüttelter, von Knmmer und Sorge beständig Umlagerter! Auch dir, und dir zumeist, sendet der holde Lenz seinen Friedensgrnß, auch deinen Kindern, denen die langen Winterabende nur spärliche Freuden geschenkt, breitet er seinen Blumenteppich aus und will sie entschädigen für schmerzlich entbehrte Genüsse. Laß darum auch deine Stirne sich erheitern, laß deine unidüsterte Seele sich erhellen durch den zum heiligen Feuer, zur lodernden Flamme angefachten Funken des Vertrauens, durch den beseligenden Glauben an die Macht des Guten, an die in jedes Menschen Brust gesenkte Gotteskraft freudigen Wirkens und Schaffens. «Beobachte den Frühlingsmonat" vor Allem du Trauernder, der mit tief verwundetem Herzen in diesen heiligen Räumen weilt, und dessen Gedanken hinüberschweifen zu den dir entrissenen thenren Angehörigen, nainentlich zu jenen, die bei des Herbstes Eintritt noch mit dir sinnend auf das zur Erde fallende welke Sommerlanb geblickt, und die des Frühlings Erwachen nicht mehr mitfeiern. Laß dieses Erwachen selbst deine Ahnung von der geistigen Fortdauer der Toten zur festen unerschütterlichen Gewißheit sich erheben, laß all deine Zweifel schwinden durch die Erwägung, daß die Wiederbelebung der erstarrten Kräfte der Natur, die du, ohne sie zu begreifen und zu verstehen, Jahr für Jahr mit staunendem Ergötzen sich wiederholen siehst, nicht minder wunderbar ist als das nach Ertötung des Erdenlebens neu beginnende Seelenleben. Höre, wie der Frühling dir tröstend zürnst: das Scheiden aus dieser Welt ist nur ein Hinüberschreiten zum Ewigen, ein Auszug aus der Enge und Bedrängnis der diesseitigen Welt, der durch die Grabesnacht zu den lichten Frühlingsaneu führt. „Beobachte den Frühlingsmonat" auch du, mein Bolk Israel! Wähne nicht, das Blut in deinen Adern sei erstarrt, der fünftansendjährige Winter des Druckes und der Verfolgung, der unabsehbare Eismassen von Gehässigkeit und Verachtung rings um dich anfgetürmt, habe den lebendigen Quell versiegen lassen, der deine Volksseele ehemals dnrchriselte, ein Leichentuch hülle deine Glieder ein, es zucke etwa nur hie und da noch ein Nerv an dir, wenn man mit scharfem, spitzen Pfeile dich unbarmherzig verwundet, im Uebrigen aber sei dein Arm erlahmt, dein Auge gebrochen, dein Mund verstunnut, dein Herz erkaltet. Auch dir — nur der Kleinmut und die Kurzsichtigkeit verhindern dich es zu erkennen — auch dir erblüht noch ein Frühling, schöner und herrlicher als all die Lenzespracht, die einst mit ihrem Rosenschimmer dich umzogen, deiner Lippe werden noch Freiheitslieder entströmen, inniger und klangvoller als die, welche einst deine Väter in Kanaans Gefilden gesungen, deine Zunge wird noch von

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