Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-08-01 · Heft 7 (1.8.1891) · p. Seite 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 7 (1.8.1891)
Date
1891-08-01
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2969669-2969782-2969789--3263-2973164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 152 „Aeobachte den IrüyLrngsmonai." Predigt, gehalten am 8. Passahtage in der Synagoge zn Stettin, von Rabbiner Dr. H. Vogelstein. Der Eindruck, den die jüdischen Festtage hervorbringen, wäre sicherlich kaum ein so mächtiger und nachhaltiger, wenn sie nicht in.mehrfacher Hinsicht einen gedoppelten, scheinbare Gegensätze vereinigenden Charakter an sich trügen und dadurch die verschiedenartigsten Gedanken und Empfindungen in unserem Geiste und Gemiithe wachriefen. Und am schärfsten tritt dies hervor bei dem Pesachfeste, dessen letzte Stunden wir in hochfeierlicher Stimmung, gerührten und dankbaren Herzens im Gotteshause zubringen. Als national-geschichtliches Fest, als „egyptisches Passah" erinnert es uns an den engen und unlösbare» Zusaminenhang mit denen, deren Väter gemeinsam mit den unsrigen das Brot der Knechtschaft gegessen, gemeinsam mit ihnen die Sonne der Freiheit haben aufgehen sehen; doch zugleich kehrt cs als „Passah der Zukunft" die allgemein menschliche Seite hervor und malt uns in prophetischer Vorschau die messianische Zeit aus, in der alle Erdbewohner sich aus der Nacht des Irrtums und der Selbstsucht zur lichten Tageshelle der Gotteserkenntnis und Nächstenliebe emporringen werden. Als Familienfest beseligt es uns gleich bei seinem Erscheinen in den Räumen unserer Wohnung, an dem nach altem Brauche hergerichteten Familientische durch den erhebenden Gedanken, daß durch das innige Baird, welches Gatten und Gattin, Eltern und Kinder, Geschwister und Verwandte miteinander verknüpft, des Lebens Mühsale und Wiederwärtigkeiten gemildert, seine Bitterkeiten versüßt werden, daß ohne häuslichen Frieden, ohne Familien- Einigkeit und Eintracht kein wahres Glück denkbar sei, — und fordert uns vor seinem Scheiden auf, einen Liebesgruß den Theuren zu entbieten, die, auch nachdem sie uns für immer verlassen, unserem Herzen noch nahe sind und für uns stets ein Gegenstand der Liebe und Verehrung bleiben werden; und als Naturfest gemahnt es uns hinwiederum an unsere Abhängigkeit von der unsichtbaren Kraft, die Gott in die Erde gesenkt hat, von dem Thau- und Regentropfen» der die Pflanzen feuchtet, von dein Sonnenstrahl, der die Frucht zur Reife bringt- - Von welchem Gesichtspunkte wir darum das Fest auffassen: wir dürfen mit Zuversicht einer eindringlichen Belehrung, einer gemütvollen Erbauung gewärtig sein, wir werden nicht unbefriedigt von dem Standorte znrückkehren, den wir gewählt, vorausgesetzt, daß wir es mit der ihm gebührenden Aufmerksamkeit betrachten und uns durch die schlichte Einfachheit, in der es sich uns darbietet, nicht zu einer vorurtheilsvollen Meinung verleiten lassen. Heute nun sei dem Naturfeste einmal Gelegenheit gegeben seine Ansprache an uns zu halten, oder vielmehr wir wolleil nochmals den Worten lauschen, die bei der Thoravorlesung an unser Ohr gedrungen, aber wohl noch nicht in ihrer vollen Tragweite von uns erfaßt sind: „Beobachte den Frtthlingsmonat, daß bu machest ein Passah dem Ewigen deinem Gotte, denn im Frühlingsmonat hat der Ewige dein Gott dich herausgeführt aus Egypten bei Nacht." I» der Gemütsverfassung, in der wir uns jetzt befinden, von der weihevollen Andacht erfüllt, die uns das Verständnis er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.