Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 7 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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V* 7* vrv •» ■; -.c^:.■"•>. r-js- ■'■■■•rv" 'f 7<k-/*..».>•*•■ 151 — hier hat es seine richtige Ausprägung gefunden. Mit emsigem Fleiß, Tag und Nacht studierend, im Besitze einer selten umfangreichen Bibliothek, die er nach Kräften zu vermehren bestrebt war, hat er die Früchte seiner Arbeit in seinen Jahrbüchern für jüdische Geschichte und Litteratnr und in zahlreichen Aufsätzen niedergelegt und neuerdings auch einen bibliographischen Centralanzeiger herausgegeben, in dem die sämmtlichen neuen litteranschen Erscheinungen auf judaistischem und hebraistischem Gebiete einer eingehenden, kritischen Besprechung unterzogen wurden. Auf alle Disciplinen der jüdischen Wissenschaft hat sein Schaffen sich erstreckt, und speciell die „Jahrbücher" sind nach dem Zeugnis hervorragender Fachmänner, reiche litterarische Fundgruben, kostbare'Wissensschätze in sich bergend. Neben dieser seiner wissenschaftlichen Thätigkeit, >vie gern hätte Nehemias Brüll als Volkslehrer in Israel, insonderheit in dieser seiner Gemeinde gewirkt, wie gern die Früchte seines reinen Denkens in die Münze des Lebens umgesetzt! Aber schwere Kämpfe sind ihm in diesem Bestreben geworden. Er, der begeisterte Vertreter des Neformgedankens, er mußte es erleben, daß rückschrittliche Tendenzen in seiner Gemeinde sich geltend machten. Wie hat er gegen diese Rückschritte angekämpft, wie mit der ganzen Gewalt seiner von prophetischem Feuer durchglühten Beredsamkeit sich dagegen erhoben! Erst als er keinen Erfolg seiner Mühen sah, ja sogar schwere persönliche Kränkungen ihm zu Teil wurden, da zog er sich voll tiefen Schmerzes zwar, aber unentwegt an den eudlichen Sieg des wahren Judentums, das nur die Reform verkörpert, glaubend, in seine Studien zurück, und nur noch von der Kanzel herab und im Kreise des Mendelssvhnvereins, seiner engeren Gemeinde, die ihn verstand und zu würdigen wußte, hat er von der hvheil Zinne der Wissenschaft und der freien Denkart herab seinen andächtig lauschenden Zuhörern das reine Wort Gottes verkündet und uns über das Judentum belehrt, uns in Bewunderung für Geistesgröße und Geistesfreiheit hingerissen. Jetzt, wo Nehemias Brüll inmitten größter Schaffensfreudigkeit, beschäftigt mit einem großen Werke, dem Werke seines Lebens, das in ihm fertig war und das er nur niederzuschreiben brauchte, jetzt wo er uns entrissen ist, wo sein Mnnd schweigt, sein Geist uns nicht mehr leuchtet, seine Freundschaft uns nicht mehr letzt, jetzt erst wissen wir ganz, was Nehemias Brüll gewesen. Tief beklagen gerade wir den uns unersetzlichen Verlust. War Nehemias Brüll ja doch eben im Begriff, dem Plane, den wir gefaßt, im engeren Kreise die Reformideen zu pflegen und sie dann zu verbreiten, zur Verwirklichung zu verhelfen. Nun sind wir verwaist, ist die Krone von unserem Haupte gefallen. Aber noch leben die Ideale, die Nehemias Brüll inmitten schwerer Kümpfe und Kränkungen aufrecht erhalten haben und denen er mit seiner ganzen'Kraft angehangen, und am besten bekunden wir unfern Dank dem Verblichenen, am besten ehren wir sein Andenken, wenn wir weiter arbeiten, weiter streben, um die hohen Ziele, die wir uns gesteckt, zu realisieren. Geloben wir uns in dieser heiligen Stunde, daß Jeder seine ganze Kraft dieser großen Aufgabe widme und hoffen wir auf den Gott der Wahrheit und der Gerechtigkeit!