Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 7 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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litterarischen Nachlasse befindet sich ein in klassischem Hebräisch geschriebenes, von ihm verfaßtes Gedicht, das aus dieser frühen Jugendzeit stammt. Und erst als der Vater den Sohn in den reichen Schatz jüdischen und profanen Wissens eingeweiht weiß, erst als er ihn für fähig hielt, in allen Lagen des jüdisch-gesetzlichen Lebens richtig zu entscheiden und selbstständig eine Kanzel und einen Lehrstuhl in einer der Gemeinden Israels einzunehmen, erst da entläßt er ihn, als seiner Zucht entwachsen, und entsendet ihn auf die Hochschule nach Wien, damit er dort sein ohnehin schon reiches Wissen erweitere und vertiefe. Auf der Hochschule in ernster Arbeit zurückgezogen und doch den Blick gewandt auf das hochpulsirende Leben der Menschen einer Großstadt niit ihren materiellen und geistigen Bedürfnissen, im Verkehr mit Männern verschiedenster Glaubens- und Denkrichtuug, hier ging dem nach Anlage und Erziehung zum Ascetismus neigenden, aber mit einem streng kritischen Geist begabten Jüngling der Gegensatz zwischen Lehre und Leben in seiner ganzen Schärfe auf. Schwer mag in seinem von tiefster Frömmigkeit erfüllten Innern die Ehrfurcht von der altehrwürdigen, durch die Not jahrhundertelanger Verfolgungen hindurchgetragenen Hülle, unter der sich Männer von lauterster Frömniigkeit und umfassendstem Wissen geborgen hatten, gerungen haben mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der relativen Wertlosigkeit dieser als menschlichen Ursprungs erkannten Hülle im Vergleich zu dem überaus wertvollen, göttlichen Kern, den jene barg. Aber bei einer innerlich so wahrhaftigen Natur, wie sie in Nehemias Brüll lebte, mußte diewissenschaftliche Wahrheit Siegerin bleiben, und als gar der in diesem Kampfe zum Mann gereifte Jüngling an dem Wirken von Männern, wie Rappaport, Geiger, Holdheim erkannte, daß der Kern auch ohne die schirmende Hülle seinen Glanz nicht einbüßte, ja daß er ohne dieselbe nur noch strahlender in die ganze Menschheit hineinleuchte, da stellte Nehemias Brüll sich in den Dienst der Reformrichtung im Judentum, deren Haupt und wesentlichste Stütze er nachmalig geworden, von ganzem Herzen und mit seinem ganzen Können. Und wie reich war dieses Herz an Güte, edlem Wollen und Menschenliebe, wie groß, wie ungewöhnlich groß dieses Wissen und Können, und bei alledem diese Demut und Bescheidenheit, und eine Energie und ein Zielbewußtsein, wie sie nur der Ausfluß sind eines »vahrhaft großen Charakters. Gesellt sich nun zu solch' einem Wissen, zu solch' reichen Herzens- und Charaktereigenschaften eine gluthvolle Beredsamkeit, so müßte nian meinen: ein solcher Manu niuß anerkannt »verden, ihm müssen zujubeln die Herzen derer, die nach religiöser Wahrheit dürsten. Und in der That! Die Gemeinde Bisenz, eine der fortschrittlichen mährischen Gemeinden, in der Nehemias Brüll zuerst wirkte, in der er das Wort Gottes in der von ihm als richtig erkannten Weise lehrte, sie hat ihn verstanden, ihn hochverehrt, und mit tiefem Bedauern sah man in Oesterreich ihn scheiden, als ein größerer Wirkungskreis sich ihm eröffnete, als Abraham Geiger mit scharfem Blick die große Gelehrsamkeit und die große Prinzipientreue des noch nicht dreißigjährigen Nehemias Brüll erkennend bei seinem Scheiden von Frankf»»rt dahin »virkte, daß der junge Bisenzer Rabbiner als sein Nachfolger den altehrwürdigen Rabbinatssitz der Großgemeinde Frankfurt einnahin. Wie Nehemias Brüll hier in Frankfurt gervirkt, noch steht es frisch in unserer Aller Erinnerung. Sein litterarisches Schaffen, das bereits früh begonnen hatte,