Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 7 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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und tadellos rein sind- Nur mittelst eines tadellos scharfen Messers kann eine Wunde so umrandet und begrenzt werden, daß der Kraiikheitsherd auf die Wunde beschränkt bleibt. Nur wenn keinerlei Miasmen an dem Messer sich befinden, die dessen Reinheit trüben, darf man mit Sicherheit annehmen, daß der Einschnitt eine Heilung des kranken Körpers herbeiführen wird- Und wer gar in diesem heiligen, erhabenen Kampfe der Menge vorangehen, ihr Führer sein will, der — ich will das Bild verlassen — muß in sich leben haben eine» Geist, nach dem Höchsten strebend, voll der wahrhaftigsten Begeisterung für alles Göttliche und rein Menschliche, der. muß die Wissenschaft mit glühendster Liebe umfassen und ein Mensch von antiker Reinheit und moderner Freiheit der Gesinnung sein. Und ein Führer in diesem heiligen Kampfe, der alle diese Geistes¬ und Charaktereigenschaften in sich vereinigte, >var Nehemias Brüll, der Mann, dessen frühes Dahinscheiden mit uns, seiner engeren Gemeinde, das Judentum beklagt, über dessen Verlust der Genius der Wissenschaft trauernd sein Haupt verhüllt. Das Schicksal hat diesen hochbedeutenden Mann für den erhabenen Beruf, Lehrer Israels und der Menschheit zu sein, vorherbestimmt. An seiner Wiege stand die Wissenschaft; sie hat zuerst in das dem Lichte sich öffnende Auge des Kindes ihren tiefen Blick gesenkt; sie hat sich ihm als treue Begleiterin für's Leben angeboten, und schon der zarte Knabe hat den Ruf verstanden, der von der Vorsehung an ihn ergangen war. Aber welch' hervorragende, geistig lind sittlich hervorragende Männer hat er auch zu Vorbildern gehabt, hat er Väter und Lehrer nennen dürfen! Sein Großvater, Nehemias Trebitsch, hochgesegneten Angedenkens, Oberlandesrabbiner von Mähren, zu Anfang und gegen die Mitte dieses Jahrhunderts eine der ersten, wenn nicht die erste Größe auf dem weiten Gebiete jüdischen Schrifttums, eine Leuchte Israels, ebenso groß als Charakter wie als Gelehrter; und sein vor nicht viel mehr als einem Jahre dem Sohne in die Ewigkeit vorangegangener Vater, Rabbiner Jakob Brüll, gesegneten Angedenkens, ein Mann, der die jüdische Wissenschaft mit grundlegenden Forschungen bereicherte, der Licht gebracht in die Entstehungsgeschichte des Talmud, ein Mann, dem einer der ersten jetztlebenden Rabbinen Oesterreichs, Jellinek, niit Recht nachrühmen durfte, er sei an Geist und Wissen der bedeutendste Lehrer Israels seiner Zeit gewesen! Mit der liebevollsten Sorgfalt von einem solchen Vater gehütet, welcher den reichen Schatz von Anlagen in seinem Kinde früh erkannte und die Entwickelung derselben nicht fremden Händen anvertraute, sondern selbst übernahm, wuchs' der Knabe heran und wurde eingeführt in die Wissenschaft seines Stammes, aber auch in die alt-klassische und moderne Bildung. Denn Jakob Brüll war zwar ein Anhänger der Orthodoxie, aber nicht jener Pseudo- Orthodoxie, wie sie in unseren Tagen sich breit macht, die den Ideengehalt des Judentums hinter geistlos geübten Formen znrücktreten läßt, letztere als wahres Judentum ausgiebt und in unduldsamem Fanatismus sich als alleinseligmachend geriet, sondern - jener Altorthodoxie, die zwar in asketischer Weise dem Buchstaben des Gesetzes huldigt, aber auch seinen Geist erkennt, ihn wissenschaftlich erfaßt und aufrichtigem Gegnertunl die schuldige Achtung nie versagt. Unter solcher Pflege und Obhut wuchs Nehemias Brüll heran und erregte schon in seiner Jugend die gerechte Bewunderung selbst alter hervorragender Meister. In seinem reichen " '' ' ' - * ■ ';• i