Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 6 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 137 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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137 glänzendste Weise entledigt hat, wenn er blos für sich und für die Seinen Sorge trägt, sondern wenn er auch das Heil und Wohl Anderer vor Augen hat, auch andere, die Freuden des Lebens mitgeuießen läßt. „Du sollst unermüdlich sein im Spenden, es darf dir aber nicht leid thun, tveuu du spendest, denn nur deswegen segnet Gott der Herr dich in allen deinen Unternehmungen". Eine gleichmäßige Verteilung der Güter, wie sie besonders in der modernen Zeit von gcwisser Seite angestrebt wird, wird nie stattfindeii. Die Armut wird nie von der Erde schwinden, weil soirst die Menschen leicht stolz und übermütig werden könnten. Die Arniut ist eine Krankheit, eine Art Schwindsucht, die bald hier, bald dort erscheint, und diejenigen, die von derselben ergriffen werde», bedürfen gar zu sehr der tüchtigsten, rationellsten Aerzte, und das sind die von Gott gesandten Schutzengel, die edlen Menschenfreunde, die sich durch Herzensgüte und Philantropie anszeichnen und sich - der Unglücklichen liebevoll annehmen, sie brüderlich behandeln und kräftigst unterstützen. In dieser Beziehung herrscht im Judentnme eine Art Communismus und zwar ein idealer Commnnismus. Israel bildet eine Allianz; „Einer für Alle, Alle für Einen" lautet die Devise dieses gottbegnadeten Volkes. Die Humanität ist eben das Grundprinzip der ganzen Religion. Die Begüterten müssen es als ihre heiligste Pflicht erachten, einen Teil ihres Vermögens wöhlthätigen Zwecken zu widmen und dem Allgüligcn zu danken, daß, nachdem die Armut nie aus der Welt schwinden kann, sie erkoren wurden, als die Spender und nicht als die Empfänger zu erscheinen. Diese Ansicht finden wir and) durch folgende talmndische Erzählung bekräftigt. Einst kam ein Heide zn Schamai und stellte folgende Frage an ihn: Wärest du nicht geneigt, niich mit sämmtlichen Grundlehreu der Lehre in der kurzen Zeit, als ich auf einem Fuße zu stehen vermag, vertraut zu machen? Schamai wies ihn mit dem Zollstab eines Baumeisters in der Hand barsch ab. Diese barsche Abfertigung vermochte aber durchaus nicht den Heiden von seinem Vorhaben abwendig zu machen. Er verfügte sich zu Hillel und stellte ihm denselben Antrag, dieser aber antwortete ihm: „Was dir nicht angenehm ist, füge deinem Nebenmenschen nicht zu, das ist die ganze Lehre, alle anderen Vorschriften bilden blos den Kommentar dazu, gehe hin und lerne sie". Welch ein tiefer Sinn liegt in dieser talnindischen Erzählung. Der Heide, der in den Verband des Judentums aufgenoinmen zu werden wünschte, war ein reich begüterter, aufgeklärter Mann, den das Heidentum mit seinen entsittlichenden Formen und Bräuchen anwiderte, während ihn die Lehre von der Einheit Gottes wie überhaupt das Judentum als Träger der erhabendsten Idee, der Gottesidee entzückte; allein mit dem idealen Communismus, wie er in Israel herrscht, konnte er sich nicht recht befreunden. Er kam daher zu Schamai und sprach: Ich wäre sehr gern bereit, eueren Glauben anzunehinen, aber nur unter der Bedingung, daß ich ans eigenen Füßen stehe, denn bei euch gehört man nicht sich selber, sondern der Gemeinde an. Da giebt es so viele Wohlthätigkeits-Vereiue und Anstalten, für deren Erhaltung man unausgesetzt große Opfer bringen muß. Ich werde euere humanitäre Institutionen nicht in Anspruch nehmen, da ich mich des blühendsten Wohlstandes erfreue, will aber auch nicht von andern in Anspruch genommen werden. Was kümmern mich die Armen und Dürftigen? Sie mögen arbeiten und erwerben, wie ich gearbeitet und erworben habe. Für sie habe ich mich wahrlich nicht geplagt. Schamai wies ihn ab mit dem Zollstab eines Baumeisters. Wenn der Baumeister einen prachtvollen Palast erbauen will, wird er etwa blos die großen Ouadersteine benützen und die kleinen unansehnlichen 12