Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 6 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 laffung in Deutschland sich in undurchdringliches Dunkel hüllt, so darf doch wohl als historisch gesichert angesehen werden, daß im Gefolge der Römer, Juden sich in Germanien, namentlich in der Gegend des Rheins, angesiedelt haben. Bis zu den Kreuzzügen fast war die rechtliche und soziale Stellung der Juden eine überaus günstige; sie waren Grundbesitzer, trieben Gewerbe, Handel, nicht etwa den Kleinhandel, sondern den großen Welthandel, Import und Export und Schifffahrt. Christen und Juden verkehrten gesellschaftlich mit einander; erstere besuchten den jüdischen Gottesdienst und erbauten sich an den gottesdienstlichen Vorträgen jüdischer Kanzelredner. Insbesondere erfreuten sie sich des Wohlwollens Kaiser Karls des Großen. Denn dieser Kaiser mit dem weitansschauenden Blicke, der, der Gründer des deutsch-französischen Kaisertums, uns in so Manchem an den Begründer des neuen deutschen Reiches, Kaiser Wilhelm I., den Siegreichen, mahnt, begünstigte, von Vorurteilen frei, die Juden allein schon deshalb, weil in ihren Händen der Welthandel lag, und die Hebung des Handels, die Mehrung des Nationalreichtums seine angelegentlichste Sorge war. Jener berühmten Gesandtschaft an den Kalifen Harun Al-Raschid gab Karl der Große einen Juden bei, den er in die diplomatischen Geheimnisse eingeweiht haben soll. Aus Italien soll er für die israelitische Gemeinde in Mainz einen jüdischen Gelehrten, Kalo uh mos, mitgebracht haben, dem die Fürsorge für die religiösen Angelegenheiten der Gemeinde seien anvertraut worden; sein Grabstein sei, sagt man, erst vor Kurzem wieder aufgefunden worden. Aber die trüben Zeiten blieben, >vie für die spanischen, auch für die deutschen Juden nicht aus. Insbesondere störten sie die fanatisierten Kreuzzügler, die Geißler und Flagellanten aus ihrer Ruhe auf und mit ihrem Blute ward der deutsche Boden durchtränkt. Nach anderen Ländern, in denen Machthaber und Volk von freundlicheren Gesinnungen gegen die Armen erfüllt waren, lenkten Viele ihre Schritte. Das damals mächtige und angesehene Polen öffnete ihnen gastlich seine Pforte und bot ihnen eine friedliche Stätte, auf der sie ihr Haupt in Ruhe niederlegen durften. Aber neben der unverbrüchlichen Treue gegen den väterlichen Glauben nahmen sie nach der neuen Heimat die Liebe für deutsches Wesen, deutsche Kultur und deutsche Sprache mit; sie schufen, wie ein neuerer Geschichtsschreiber sagt, Pole», Littauen und die dazu gehörigen Landesteile gewissermaßen in ein neues Deutschland um, die dorthin Eingewanderten hielten die deutsche Sprache hoch wie ein Palladium, wie eine heilige Sprache, die sie in der Familie, im Lehrhanse und im Gebete treu bewahrten. Mag es auch ein verdorbenes, unserem Ohre widerwärtig klingendes Deutsch sein, das sie heute noch reden, mittelalterliche Elemente enthaltend, die sie aus ihrer alten Heimat mitgenommen und in der neuen treu bewahrt haben, immerhin haben sie hierdurch mit rührender Treue wenigstens einen Verbindungs-Kanal zu den Quellen deutscher Bildung, deutscher Kultur sich offen gehalten. Denn, verehrte Versammlung, die Juden, das lehret uns ihre Geschichte, standen niemals feindselig oder ablehnend der allgemeinen Kultur gegenüber, sobald man ihnen nur gestattete, au ihr Teil zu nehmen und sie nicht gewaltsam in ein geistiges Ghetto gedrängt hat. Unter den Minnesängern nennt die Litteraturgeschichte neben Wolfram von Eschenbach und Walter von der Vogelweide, einen Juden, Süßkind von Triberg, vermutlich aus Würzburg, dessen Lieder den besten Erzeugnissen jener Litteraturepoche, den trefflichsten Gedichten aus der Zeit der Minnesänger, zugezühlt werden. Dem vertrauteren