Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 6 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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129 drängt, nicht die liebende und fiirsorgende, sondern stets nur die harte, strenge, züchtigende Hand des Vaters auf das Haupt sich lege» sieht? Und doch, verehrte Versammlung, hat dies die Anhänglichkeit an das Land, das ihnen einst, wenn auch nur für kurze Zeit, eine beglückende Wohnstätte bot, wunderbarer Weise niemals ganz aus den Herzen der Inden zu tilgen verniocht. Lassen Sie mich denn in flüchtigen Zügen einige Zeichen und Spuren dieser bewundernswerten Anhänglichkeit an Ihrem geistigen Auge vorüberführen. Dort in Babylon, wo zahlreiche jüdische Gemeinden sich während des Exils gebildet, die auch, nachdem ihr Befreier Cyrus (Ko re sch) ihnen die Rückkehr nach dem heiligen Lande Palästina gestattet, ihre Heimstätte, die sie liebgewonnen, nicht verließen, erblicken wir so manche Zeichen und Spuren dieser Liebe und Anhänglichkeit gegen das neu gewonnene Vaterland. That doch ein dortiger hervorragender Gesetzeslehrer den noch heute bindenden Ausspruch, daß die Staatsgesetze, auch für die Inden verpflichtend, einen religiösen Charakter an sich tragen. In das Gebetbuch wurden Gebete i» der Landessprache, der aramäischen, ausgenommen, wie ja noch heute eines der ehrwürdigsten Gebete der Synagoge, das Kaddisch, in dieser Sprache verrichtet wird- Die aramäische Bibelübersetzung hat hohes Ansehen erlangt, nicht allein darum, weil sie sich dem Urtexte treu anschließt, sondern auch weil sie in der Sprache des Landes geschrieben worden, das den Juden zur zweiten Heimat geworden war. Wir blicken auf ein anderes'Land, auf Spanien, das einst den Inden eine so beglückende Heimstätte dargeboten, wo das Judentum seine schönsten und dufteudsteu Blüten trieb, wo es zu hoher geistiger Entfaltung, ja zu hoher Vollendung ist herangereift. Auf spanischem Boden glänzten die Inden durch hohe Bildung, durch Wissenschaft und Kunst, durch Adel des Geistes, durch Vornehmheit der Lebensformen und der Lebensführung. Hier waren sie zu einer würdigen, angesehenen, einflußreichen Stellung gelangt und gar Manche unter ihnen nahmen Vertrauensstellungen ein im Rate der Krone, als Minister und politische Geschäftsträger. Auf spanischem Boden feierte das Judentum seine schönsten Triumphe, — erfuhr es aber auch seine schmachvollsten Niederlagen: Bigotterie, dumpfer Glaubenshaß vertrieb die Juden vom heimatlichen Boden. Aber in die Verbannung hinaus nahmen sie — neben der unerschütterlichen Treue gegen ihre Religion — die rührendste Anhänglichkeit an das einstige Vaterland, an den Boden mit, auf dem sie das höchste Glück und das tiefste Elend geschaut. Sehnsuchtsvoll blieb ihr Auge stets auf Spanien gerichtet und wohl kaum kam ein Gefühl der Genugthuung in ihnen auf, als sie Spanien durch diese unglückselige, erbarmungslose That, die Vertreibung seiner besten Bürger, immer tiefer sinken, immer ärmer, immer unglückseliger werden sahen, eine Beute von Bürgerkriegen bis in die neueste Zeit, in dem nichts mehr an seine ehemalige Größe und Herrlichkeit zu erinnern vermochte. Nach Spanien trugen sie dennoch stets ihre heißesten Wünsche, ihre innigsten Gebete; ihm zu Ehren stimmten jüdische Sänger ihre Leier, dichteten jüdische Dichter ihre tiefergreifenden Lieder. Und noch heute — vier Jahrhunderte nach jener schrecklichen Vertreibung sprechen die Enkel der Vertriebenen die Sprache des Landes, das seine Pforten so grausam hinter ihnen geschlossen. Lassen Sie uns noch einen Blick auf Deutschland werfen, unter dessen Söhnen Juda's Söhne schon früh, ja, wenn wir der Sage Glauben schenken dürften, nicht lange nach Josnas Eroberung des heiligen Landes, sich heimisch haben gemacht. Wenn nun aber auch der Beginn der jüdischen Nieder»