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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-08-01 · Heft 6 (1.8.1891) · p. Seite 128

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 6 (1.8.1891)
Date
1891-08-01
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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er die Freiheit des Denkens und die Unabhängigkeit seiner Forschung sich unvermindert bewahren wolle. Wir nähern uns der neuesten Zeit, die uns in Verlegenheit setzen dürfte, wollten wir aller der Männer hier gedenken, die, Inda entstammend, die Menschheit auf dem Gange ihrer Entwickelung gefordert und kleinen oder großen Kreisen die Spuren ihres Geistes ausgeprägt haben. Glänzende Namen vermöchten wir freilich da aufzuzählen. Doch wir unterlassen es, nicht nur wegen der überwältigenden Fülle von Namen, sondern auch, weil wir leicht den Vorwurf eitler Selbstbespiegelnng uns zuziehen könnten und beschränken uns, einen Mann nur zu nennen, der, an der Eingangspforte dieser Zeit stehend, befruchtend wie wenige auf das Geistesleben seiner Zeitgenossen gewirkt hat. Moses Mendelssohn, der, ein zweiter Moses, ohne es gewollt und angestrebt zu haben, seine Glaubens- und Stammesgenossen aus der Finsternis der Geistesghettis, in die mittelalterliche Unduldsamkeit sie gebannt, zum Lichte geistiger Freiheit sie geführt, der eine neue Zeit für sie hat heraufführen helfen und darum als ein Neformator derselben angesehen und verehret wird. Aber auch seinen deutschen Zeitgenossen hat er, der deutsche Plato, durch seine philosophischen Schriften die Spuren seines Geisteslebens ein- und ausgeprägt. Und wenn er auch nicht, wie Spinoza, ein Pfadfinder, ein eigenes philosophisches System begründet, einen selbstständigen Gedankenbau aufgerichtet hat, ein Vorzug, der ja nur wenigen auserlesenen Geistern beschieden ist — so hat er doch das unbestreitbar hohe Verdienst, das ihm eine Stelle in jedem Lehrbuche der Geschichte der Philosophie sichert, die philosophische Erkenntnis gefördert und sie in populärer, allgemein verständlicher Form den Gebildeten zugänglich gemacht, vermittelt zu haben, so daß Zahlreiche, die bis dahin vom philosophischen Denken ausgeschlossen waren, sich an dem Ouell, den er ihnen erschloß, Herz und Geist laben und erquicken konnten. Und hiermit steht es denn auch in Verbindung, daß er, der Jude, seine Zeitgenossen erst deutsch schreiben lehrte. In fremder, meist lateinischer Sprache, oder doch wenigstens in unbeholfenem, geschmacklosem Deutsch war man bisher, gewohnt, philosophische Gedanken zur Darstellung zu bringen; doch er, Lessings, Abts, Wielands, Herders, Gleims, Nikolais Freund, handhabte die deutsche Sprache mit seltener Meisterschaft und verlieh ihr einen Zauber, eine Frische, deren man sie niemals fähig gehalten hätte. Ja, er, der Jude, tadelte die Deutschen, daß sie, den tiefen Gehalt ihres Geistes verkennend, sich unter das Joch des französischen Geschmacks beugten. Und dieser Tadel reichte höher hinauf, bis zum Throne des philosophischen Königs, Friedrichs des Großen, welcher auf Kosten der Nationalsprache, der deutschen, die französische Sprache bevorzugte. So sah denn die Welt das eigentümliche Schauspiel, daß der Jude mehr Liebe und Anhänglichkeit der Nationalsprache, der deutschen, entgegentrug, als der Deutsche jener Zeit. Und dieser Zug bedarf hier um so mehr einer Besprechung, da er, ein Charakterzug, wie ein roter Faden sich durch die Geschichte der Juden hindurchzieht. Wohl giebt es nichts Naturgemäßeres, als die Liebe zum Vaterlande, die Anhänglichkeit an das Land, wo unser Auge sich zuerst dem Lichte öffnete, in dem unsere Wiege stand, das die Gräber unserer Väter in sich birgt, wo wir unsere ersten Spiele spielten, wo sich unser Geist entwickelte, wo wir 'heranreiften zu würdigen Mitgliedern des Staates, dessen Einrichtungen und Gesetze uns schützend uud schirmend umgeben. Aber ist dieser Zug denn auch da noch so natürlich, wo eine Gesammtheit, in eine demütigende Ausnahmestellung ge-

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