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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-08-01 · Heft 6 (1.8.1891) · p. Seite 127

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 6 (1.8.1891)
Date
1891-08-01
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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127 Zu ihrer unabweisbaren Voraussetzung hatte nämlich die Reformation die Rückkehr zu den Quellen der Religion — zur Bibel. Wer aber hatte diese Quelle der Religion treu bewacht, sorgfältig gehütet, unverfälscht bewahrt die Jahrhunderte hindurch? Die Juden waren es, das Volk der Schrift, wie man sie nannte. Sie hatten mit bewundernswerter Sorgfalt, mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, mit unvergleichlicher Treue über den Urtext gewacht, so sehr, daß sie ihn gewissermaßen inventarisierten, indem sie Verse, Worte, ja die Buchstaben selbst zählten, damit nichts von diesem heiligen Schatze verloren gehe; sie hatten aber auch das Verständnis des Urtextes treu gepflegt und vermittelten nunmehr das Verständnis der heiligen Sprache und Schrift den Trägern der neuen religiösen Bewegung. Wer von diesen hätte damals nicht zu den Füßen jüdischer Lehrer gesessen, um von ihnen zu lernen! An den Universitäten begann man nunmehr aufs eifrigste hebräische Studien zu pflegen, und Luthers Bibelübersetzung, dies gewaltigste und folgenreichste Werk der Reformation, das nach den verschiedensten Seiten einen so tiefgreifenden Einfluß übte, wäre ohne die Juden undenkbar gewesen. Mußte sich doch Luther für dieses Werk bei gelehrten Juden Rats erholen und folgte er doch in seiner Uebersetzung vollständig jenem gelehrten Franziskaner, dem Professor der Theologie Nicolaus de Lyra in Paris, der in seinem schlichten, lichtvollen, nüchternen, alles Mystische abweisenden Bibelkvmmentare die Erklärungen eines berühmten nordfranzösischen Exegeten, Raschi, die sich durch Einfachheit und Klarheit auszeichnen, ausgenommen,*) so daß ein geflügeltes Wort aus jener Zeit diese Abhängigkeit Luthers von Lyra und somit auch von Raschi also illustriert: 81 Lyra non lyrassset, Lutherus non saltasset, was dem Sinne nach bedeutet: Hätte Lyra nicht aufgespielt, so hätte Luther nicht aufgewühlt. Oder deutlicher: Hätte Lyra nicht seinen Kommentar geschrieben, so hätte Luther niemals die Bibel zu übersetzen vermocht. Wie könnte ich nun aber, so ich den tiefgreifenden Einfluß der Juden auf den Entwickelungsgang der Menschheit auch noch nach ihrer Zerstreuung zeichnen will, jenen Mann unerwähnt lassen, der in der Geschichte des menschlichen Denkens seinen Namen als den eines Pfadfinders, eines Bahnbrechers für ewige Zeiten eingezeichnet hat: Baruch oder Benediktus Spinoza, der, an den Brüsten jüdischer Wissenschaft genährt, an den philosophischen Schriften der hervorragendsten jüdischen Gelehrten, eines Aben-Esra, Maimonides, Alfakar, Creskas sich' herangebildet und ein philosophisches System geschaffen, das insbesondere wegen seiner strengen Folgerichtigkeit, das Staunen, die Bewunderung aller Denker bis auf diesen Tag errungen hat. Ein schwächlicher Mann, begann mit ihm eine neue geistige Aera, schuf er einen neuen Gedankenban, der umgestaltend auf das Denken Vieler wirkte. Wie ein Gewitter, so sagt von ihm ein neuerer Schriftsteller, wirkte Baruch Spinoza betäubend, niederschmetternd, aber auch reinigend, läuternd. — Von antiker Größe, schlug er, der durch Handarbeit — Glasschleifer« — sein Leben kärglich fristen mußte, eine philosophische Professur aus, die ein hochherziger deutscher Fürst, Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz, ihm, dem Juden, an seiner neu errichteten Universität Heidelberg anbieteu ließ, weil, wie er sagte, *> In der Vorrede zu seinen Postillen, diesem Grundbuche einer rationellen Bibelexegese, sagt Lyra offen, daß er nicht blos die katholischen Exegeten benutzt habe, soü etiam Hebraeorum maxime liabbi Salomonis (Raschi), <[ui inter doctores hebraeos locutus est rationabilius.

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