Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 6 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969782-2969788--3232-2973132- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
122 davon abhielt, ihre bessere Einsicht zu verraten, sie dazu zwang, mit ihren Wissensschätzen vorsichtig umzugehe», immer muß es bedauert werden, daß solche Männer, deren lautes und offenes Auftreten manches Verderben hintangehalten hätte, sich in einer solchen Art von Selbstverleugnung gefielen, die sie sich entweder selbst auferlegten, oder die ihnen gleichsam von anderen aufgezwungen wurde. Nun gehören glücklicherweise die Fälle, in denen die Männer, die dazu berufen waren, dem Volke Belehrung zu spenden, und dies unterließen, zu den Ausnahmen, zu den Seltenheiten, auf die weiter nicht zu achten ist Die die Frucht genießen von dem Baume der Erkenntnis, aus denen das geistige Wachstum ersprießt auf den Gefilden des Lebens, die Männer, die selbst aus den Quellen der Weisheit ihre Kenntnisse schöpfen, die werden auch den Wissensdurst anderer nicht ungestillt lassen, wo ein solcher immer nur vorhanden ist, und den Strom der Lehre fortleiten und ausbreiten, daß an ihm die Geister sich erquicken, sich erfüllen mit Kraft und Frische, mit Einsicht und Klarheit. Es ist diese Bereitwilligkeit, andere zu belehren, andere an seinem Wissen teilnehmen, sie die Frucht seiner Einsicht und Erfahrung mitgeuießen zu lassen, freilich wiederum eine Tugend für sich selbst,. die mancher bei allem Reichtum an Gelehrsamkeit und Geistesschätzen nicht besitzt, das aber zeigt eben von wahrem Verständnisse und von echter Liebe zu der Wissenschaft, daß man sie zu verbreiten, zu erweitern, zu verallgemeinern sucht, damit sie nicht der Sonderbesitz einzelner Menschen, sondern ein Gemeingut der ganzen Menschheit werde. So wird nach dem Berichte der heiligen Schrift von dem Künstler und Werkmeister des ersten jüdischen Heiligtums Bezalel nicht blos erwähnt, daß er von einem höheren Gottesgeiste erfüllt gewesen sei, groß an Weisheit, Einsicht, Erfahrung und Geschicklichkeit war, sondern auch, daß in ihm das Verlangen lebte, andere zu belehren und zu unterweisen. Obwohl er fast allein dastaud, mit dem Wissen, das er sich erworben und mit den Kenntnissen, die er sich angeeignet, machte er dennoch kein Geheimnis aus ihnen, suchte er dennoch nicht seiil Wissen und Thun in das Gewand des Räthsels zu hüllen, um dadurch sein Ansehen im Volke zu erhöhen. Nein, er wollte nicht bewundert, er wollte verstanden werden, er wollte, daß auch andere ihm nachstreben, gleichkommen, sowie ja auch Moses den Wunsch aussprach: Gebe Gott, daß ich nicht allein dastehe, hinausragend über alle, sondern daß das ganze Volk mir gleich werde, alle Propheten, beseelt von dem Geiste Gottes, dem Geiste der Liebe und des Eifers, des Friedens und der Wahrheit. Auch den Trieb zu lehren und sein Wissen weiter mitzuteilen, besaß Bezalel, das war der Vorzug,. der seiner Herrschaft im Reiche der Erkenntnis die Krone aufsetzte. Nur einen solchen Mann ziert diese Krone, war er doch ein König in der Welt des Wissens. Giebt es aber wiederum nicht viele, die diese Krone für sich in Anspruch nehmen und die dennoch jene Herrschaft im Reiche des geistigen Lebens, die allein ihnen zukommt, nicht besitzen, viele die lehren wollen nnd selber nichts gelernt haben, die sich die Unwissenheit des Volkes zu Nutze machen und sich zu seinen Führern aufwerfen wollen und darin von nichts weiter unterstützt werden, als von ihrer Anmaßung, der nirgendwo Grenzen gezogen sind? Die ihr reiches Wissen für sich allein verschlossen halten und es durchaus nicht wollen anderen zu Teil werdeil lassen, die richten bei weitein nicht so viel Schaden an, als diejenigen, die gar kein Wissen, die höchstens viel Einbildung besitzen, und dennoch sich's herausnehmen, andere lehrmeistern itnb geistig beherrschen zu wollen. Mit seiner Einsicht und seinem Wissen anderen Bahn zu