Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 versuchen. Vorerst wolle» wir sehen wie die Adeligen in der Großstadt und dann wie die Bürgerlichen in den kleineren Landgemeinden ihre Gottesverehrung zu bekunden beniüht sind- O laßt uns nur hinanstreten in die große Welt, laßt uns die volksreiche, geräuschvolle Hauptstadt des Landes besuchen, die belebten Straßen, wo Palast an Palast wie Perle an Perle sich reiht, durchziehen, und so manches Palais wird durch den Zauber seiner Schönheit durch den Reiz seiner Kunstwerke euere Aufnierksanikeit ans sich lenken und euere Bewunderung erregen Der Besitzer desselben ist einer unserer Glaubensgenossen der vor ungefähr vier Jahrzehnten, als die Morgenröthe der Freiheit auch in unserem Vaterlande zu dämmern begonnen, als armes Kind braver frommer und redlicher Eltern, die in irgend einem Ghetto diesseits oder jenseits der Leitha gewohnt, nach der Hauptstadt kam um daselbst sozusagen sein Glück zu machen. Nach und nach ist es ihm thatsächlich mit der göttlichen Hilfe gelungen den höchsten Gipfel des Glückes zu erklimmen. Durch geistreiche Combinationen lvie durch glückliche Geschäftsspecnlationen ist er in den Besitz vieler Millionen gelangt, wodurch es ihm auch ein Leichtes war, sich lim die Förderung der Industrie und des Handels einige Verdienste zu erwerben, denen er auch seine Erhebung in den Adelstand zu verdanken hat. Bescheidenheit pflegt aber nicht immer die stärkste Seite solcher vom Glücke Begünstiger zu sein, daher auch unser Ritter oder Freiherr tu seinem Hochmuthe ansruft: Meiner Kraft, meinen Fähigkeiten, meiner rastlosen Thätigkeit, wie meinem Scharfsinn habe ich es zu verdanken, daß es mir gelungen ist Reichtum und Schätze, Ehrenämter und Ehrenstellen zu erwerben. Ja in seinem Hochmuthe vergißt er seine Herkunst und sieht sorgfältig alles das zu vermeiden, was geeignet wäre seine Abstammung zu verrathe». Das Judenthum ist ihm verhaßt, seine Kinder kennen es kaum dem Namen nach. Er selbst wäre gern bereit seinen Geburtsfehler zu corrigieren, wenn er nicht durch die antisemitische Bewegung der letzten Jahre die Ueberzeugung gewommen hätte, daß die Apostaten, Renegaten, Neophiten, und wie sonst noch die getauften Juden heißen mögen, weit mehr der Verachtung preißgegeben sind als die echten und rechten Söhne Israels. Nun kömmt der Monat September ins Land, der edle Ritter nimmt zufällig den Kalender zu Hand und erfährt, daß auf den 24. Septeniber der Versöhnungstag fällt. Ein eigenthümliches Gefühl beschleicht ihn in diesem Augenblicke, er erinnert sich jener Versöhnungstage, die in seinem zartesten Kindesalter im Elternhanse gefeiert wurden, er erinnert sich recht lebhaft jenes feierlich ernsten Momentes, wo sein frommer in Gott ruhender Vater am Vorabende des großen heiligen Erfurcht erregenden Tages, ehe er das Gotteshaus besuchte die Hände segnend auf das Haupt eines jeden seiner Kinder gelegt, und die fromme Mutter ihnen ermahnend zugerufen : meine lieben Kinder betet andächtig, denn der Allgütige erhört das Gebet frommer unschuldiger Kinder; ja er erinnert sich des feierlichen Gottesdienstes in der alten Synagoge, an jene Herz und Gemüth erhebenden Melodieen und Gesänge die da von der ganzen frommen Gemeinde im Chore angestimmt wurden. Durch diese Reminiscenz wird aus Pietät der Wunsch in ihm rege, das Gotteshaus am nächsten Versöhnungstage zu besuchen. Am Rüsttag des Jom Kippur setzt er seinen electrischen Apperat in Bewegung und sofort erscheint sein Diener vor ihm dem er zürnst: morgen um zehn Uhr Vormittags soll der Wagen bereit dastehen, da ich das jüdische Gotteshaus besuchen will. Am andern Morgen um die genannte Zeit wird dem gnädigen Herrn angekündigt, daß der Wagen bereit dastehe. In Folge dessen eilt er die Treppe hinab,