Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 und ausgenommen hatte. Das Reden und das Klagen macht's nicht, nur die That bringt Hilfe und die Standhaftigkeit im Dienste der guten Sache führt sie zum Siege. Was wir thun, das sollen wir immer bei Seiten thun und nicht in die weite Ferne hinausschieben, was für den Augenblick dringend not thut. Die sorglose Unbesonnenheit, der wir in den Tagen des Glückes uns hingeben und bei der wir Alles verkommen lassen, was eben da uns als etwas Unnützes däncht, währenddem es in der That ein Unentbehrliches ist, die kann sich einst schwer an uns rächen und die Klagen und Vorwürfe, die dann sich vernehmen lassen, die können da nicht wieder gut machen, was wir durch unsere Süßigkeit haben verdorben und verschuldet. Ueberhebe dich nicht, Israel, in deiner Größe, die gleich dem Wunderbaume, unter dessen Schatten der Prophet geruht, heute hoch emporwächst und morgen in Nichts versinket, sei weise, besonnen und einsichtsvoll in den Tagen deines Glückes, gebe dich der Bethörung und Verblendung nicht hin, denke an deine Vergangenheit, an deine Zukunft. Ja, von der Vergangenheit sollen wir es lernen, wie wir für die Zukunft wirken, wie wir die Segnungen geistiger Größe und innerer Freiheit in Israel fördern und erhalten. Sie zeigt uns, was Standhaftigkeit, Gesinnungstrene und Selbstbewnßtsein zu leisten vermögen, wenn sie auch der äußeren Stützen entbehren und mit unüberwindlichen Hindernissen zu kämpfen haben. Mit einem heldenhaften Mnte, wie er freilich der großen Sache, der er galt, nur würdig war, wahrte da Israel seine Ueberzeugungen, seine Hoffnungen, seine Bestrebungen, furchtlos jeder Gefahr ins Auge schauend, kühn über die Not der Zeiten sich erhebend. Ein Meer von Verfolgungen hatte sich über ihm ergossen und dennoch gieng es in ihm nicht unter. Mit dem Stabe des Glaubens, den Israel stets hoch emporhob, spaltete es seine Wogen, bahnte es sich den Weg durch die reißende Flnt und schritt ungebeugt und ungeschwächt immer weiter fort. Die Leiden in Ergebung tragend, die Hoffnungen in Freude bewahrend. Willst du lernen, wie man Leid und Zurücksetzung erträgt, wie man in Not und Unglück standhaft bleibt, willst du es erkennen, daß der Mensch von seiner inneren Größe, Ehre und Freiheit nichts verlieren und vergeben muß, auch wenn Erniedrigung, Schmähung und Bedrückung die Hegleiterinnen seines Daseins sind, willst du ein Vorbild, das dir zeigt, wie man selbst in den düsteren Tagen der Bedrängnis und der Verlassenheit seinen Lebensmut und seine Geistesstärke sich erhalten, seine Einsicht und seine Ausdauer bewahren und so das Verderben bekämpfen und überstehen können, so blicke hin auf Israel und vernimm das Wort, das ihm auf seinem Leidenspfade Führer und Wegweiser geworden. Was hilft die Klage, wenn sie nicht die Herzen rührt und die Geister erweckt, daß der Mut des Schaffens sich in ihnen reget und Entschlüsse zur Reife kommen, die, über wirre Vorurteile und schwächliche Bedenken hinwegschreitend, zur That drängen und zum Wirken auffordern. Wenn es zur Zeit, als der Aegypter dastand, um Israel die kann« errungene Selbständigkeit wieder zu entreißen, den läßigen uiib zaghaften Wortführern in seiner Mitte nachgegangen wäre, die jetzt ratlos und thatlos dastanden und nur mit Klagen und Vorwürfen zur Hand waren, gewiß hätte Israel sich selbst die Schmach anthun müssen, seine Freiheit in den Staub zu treten und dem Feinde sich auszuliefern und vielleicht dafür sich noch glücklich preisen müssen, daß dieser so gnädig ist, ihm das Joch der Knechtschaft von Neuem aufzulegen. Nicht niedersinken und