Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Prüfung. Besonnenheit im Glücke, Standhaftigkeit im Unglücke! dieser Lehren, welche die erste Erfahrung des erlösten Israel geworden ist, wollen wir eingedenk sein, sie betrachten und bewahren, beherzigen und bethätigen. An einem Volke, dessen Geschichte zugleich seine Lehre ist, dessen Erlebnisse nicht als zufällige Thatsachen aufgefaßt werden, an denen nur die äußere Gestaltung in Betracht kommt, sondern als Offenbarungen sittlicher Wahrheiten, die einen tieferen geistigen Kern in sich bergen, konnten Ereignisse, wie sie bei und unmittelbar nach dem Auszüge aus Aegypten sich zutrugen, nicht vorübergehen, ohne einen nachhaltigen Eindruck auf die Gemüter ausznübeil und wichtige Mahnungen für die Zukunft zurückzulassen. Wenn das Erlösungswerk, das gestern vollzogen ward, dessen Bestand so gesichert schien, daß von einer Erschütterung und Zerstörung, die ihm drohte, nicht die Rede sein konnte, heute so vernichtet war, daß es fast thöricht gewesen wäre, der Hoffnung auf seine Wiederaufrichtung in dem Herzen Raum zu geben, so war das ein ausgesprochenes Bild der Unbeständigkeit irdischer Größe und menschlichen Glückes, eine deutliche Mahnung, daß man die Gunst des Augenblickes nicht überschätzen, nie ganz sorglos in die Zukunft hinausschauen dürfe. Die Freiheit, die ihr erlangt, könnt ihr leicht wieder verlieren, und von der Höhe, zu der ihr emporgestiegen seid, könnt ihr bald wieder gestürzt werden. Das wurde Israel hier durch Thatsachen, die es selbst an sich erfuhr, so laut verkündet und so klar vor Augen gelegt, daß nur der starre Eigensinn und die verblendete Selbsttäuschung sich dieser Einsicht hätte verschließen können. Daraus ergab sich aber wie von selbst die Folgerung, daß es nicht geraten ist, sich in den Tagen des Glückes nur der Freude und dem Genüsse hinzugeben und daß der Mensch seinem Geschicke nie vertrauen dürfe. Der Mensch soll sich in seinem Glücke nicht überheben, die irdische Herrlichkeit, die er erlangt, nicht als einen unverlierbaren Lebensschatz betrachten, nie um der vergänglichen Besitztümer willen, die diese Welt ihm darbietet, die höheren Geistesgüter verwerfen, die den eigentlichen Reichtum seines Wesens ausmachen, sondern stets auf die Zukunft Bedacht nehmen, in deren Laufe sich gar Vieles ändern kann, ohne daß er dies nur zu vermuten und vorauszusetzen vermag. Wie groß und mächtig hatte Israel sich gefühlt, als es das Joch der ägyptischen Knechtschaft abwarf und als ein einiges und zahlreiches Volk den Boden seiner Selbständigkeit betrat, und wie klein und hilflos stand es da, als ein feindlicher Ueberfall ihm drohte und es den letzten Kampf aufnehmen sollte gegen seine Bedränger und Widersacher! Jetzt wollten alle die Klugen und Einsichtsvollen sein, nicht etwa daß sie auf Rat sannen, um die Gefahr abwenden zn helfen. Nein! Wenn nian ihnen gleich gefolgt hätte und in Aegypten geblieben wäre, dann wäre es nicht dazu gekommen, daß man gegen Pharao hätte den Kampf aufnehmen müssen. Ja das ist die Klugheit der Feiglinge, der Nichtsthller, die überall das erste Wort führen wollen, aber dennoch jeden Fortschritt zum Besseren scheuen, weil sie da vielleicht in einen Kampf gegen bestehende Mißstände geraten müßten und sie bei ihrer stumpfen Süßigkeit und Einsichtslosigkeit sich einem solchen nie und nimmer gewachsen fühlen können. Als Pharao herannahte und die Kinder Israel sahen, daß die Aegypter sie verfolgen, da fürchteten sie sich sehr und schrieen zu dem Ewigen. Fürchten, Schreien, Wehklagen, war das Alles, was ein Volk thun konnte, das aus freien Männern bestand? Oder war diese Freiheit ihm nur eine äußerliche gewesen, deren Frucht es genoß, deren Segen es empfand, aber deren Geist es nicht in sich bewahrt