Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-05-01 · Heft 5 (1.5.1891) · p. Seite 103

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 5 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969782-2969787--3212-2973111
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

103 Jum ^esachfeste. (Aus dem Nachlasse des seel. Herrn Rabbiner Dr. N- Brüll). Als sollte Israel für alle Zeiten davor gewarnt werden, im Besitze kostbarer Errungenschaften, die ihm zn Teil geworden, sich der Sorge um ihren Fortbestand zu entschlagen und im Genüsse des Segens, der aus der günstigen Gestaltung seiner Geschicke ihm erwachsen, daran zu vergessen, daß die Zukunft auch manche Unheilssaat zur Reife bringen könne, so sah es gleich an der Schwelle seiner geschichtlichen Laufbahn, kaum nachdem es den Gipfel der Freiheit erstiegen, sich an einen Abgrund des Verderbens hingestellt, der Alles zu verschlingen drohte, was eben erst ins Dasein getreten und zu Bestände gelangt war. Noch war es gar nicht lange her, seitdem der alte Druck von seinen Schultern genommen nwrden und schon waren wiederum neue Gefahren im Anzüge, noch hatte Israel sich gar nicht weit von den Grenzen des Landes entfernt, in welchem Jahrhunderte jamniervollen Elends, trostloser Knechtschaft und Verkümmerung über ihm dahingegangen waren, und schon waren wiederum die Dränger, deren es sich für immer entledigt glaubte, herangenaht, um ihm den Weg zu versperren, der es weiter hinausführeu sollte in eine segensvolle Zukunft, um mit einem Schlage alle Hoffnungen in den Staub zu werfen, die eben erst in seinem Herzen aufgebläht waren und sich immer mehr sollten erfüllen und verwirklichen. Entsetzen und Bestürzung bemächtigte sich der Kinder Israels, als sie, vor denen erst die ganze Welt im Lichtgewande der Wonne zu erglänzen schien, plötzlich die Heereswolken ans Aegypten heranziehen sahen, die wie mit finsteren Schatten die Erde bedeckten, das Rollen der Kriegswagen hörten, deren Geräusch nur Verderben verkündete. Sie hatten an die Wiederkehr der ägyptischen Verfolgungen nicht gedacht, sie für ein Unmögliches gehalten und jetzt mußte auch der letzte Zweifel aufgegeben werde», denn wider alles Vermuten war Pharao herangenaht und sichtbar und unvermeidlich war Israels Untergang geworden. Und währenddem die Einen Alles aufzugeben bereit waren, ja nach der Knechtschaft in Aegypten sich zurücksehnten, bei der Kampf für Israels Freiheit ihnen erspart bleiben würde und die Anderen, von Angst ergriffen, in Mutlosigkeit versunken, ihre lauten Wehklagen zum Himmel emporsendeten, ertönte das Wort der Lehre und Mahnung! Was frommt das Gebet vor Gott, wenn es an der That des Menschen fehlt? Wie können die auf Erlösung hoffen, die feige zurückweichen, wenn es gilt, mutig fortzuschrciten, standhaft auszuharren, den Kampf zn bestehen, den Angriffen Widerstand zu leisten. Zeigst du dich lässig in der Stunde der Prüfung, zaghaft am Tage der Bedrängnis, ohnmächtig zur Zeit der Gefahr, so bahnst du selbst nur dem Verderben den Weg, auf dem es dich ereilet, verringerst die Kraft, die zum Widerstande dich fähig macht und mit ihr auch die Hoffnung, die in eine lichtere Zukunft dich hinausblicken läßt. Darum sollen wir die Hände nicht niüßig in den Schoß legen, wenn die Segnungeil des Glückes uns reichlich zufließen, nicht glauben, daß da jede weitere Arbeit und Sorge überflüssig wäre, daß wir da am Genüsse uns wohl sein lassen, sonst aber der Ruhe und Trägheit und Thatlosigkeit uns hingeben dürften, die nichts leistet und nichts nützet. Nein! Gerade da ist es Zeit, zu schaffen und zu wirken, weil da nichts uns hindernd im Wege steht, da für die Zukunft vorzuarbeiten, daß wir gerüstet dastehen, wenn wir mit den Anfechtungen, die sich gegen uns richten, zu kämpfen haben und nicht unterliegen am Tage der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.