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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-05-01 · Heft 5 (1.5.1891) · p. Seite 102

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 5 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Blume ist aus dem Talmud iu de» Garten der deutsche», ja der Welt-Litteratur verpflanzt, wie manche herrliche Perle aus dem Meere des Talmuds mit geschickter Hand gehoben und in dem Schatze der allgemeinen Litteratnr, nicht als sein geringster Schmuck, aufgeuommeu worden. Wir dürfen hier insbesondere den feinfühligen H e r d e r, den tief empfindenden Nücke rt, den dichterisch veranlagten Sachs nennen, die so manche dieser Lichtstrahlen aus dem Morgenlande zu einem Strahlenkränze für das Abendland vereinigt haben. Und noch sind sie nicht alle gehoben, die Schätze, die der so viel verkannte Talmud der Menschheit darbieten kann, die Goldkörner, die er in sich birgt, aber immer mehr Hände werden thätig, um diese Fundgrube des Geistes auszubeuten. An manchen Universitäten (Güttingen, Berlin, Straßbnrg) tverde» von gelehrten Orientalisten Teile des Talmuds gelesen und sein reicher Inhalt hierdurch weiteren Kreisen erschlossen. Und doch finden sich, sagt man, in diesem Werke Stellen, die verurteilt werden, mit Recht verurteilt werden. Gewiß, aber wenn tvir uns die eigenartige Form dieses grandiosen, ans zwölf großen Foliobänden bestehenden Werkes vergegenwärtigen, wenn wir uns vor Angen halten, daß der Talmud eigentlich ein Sprechsaal sei, in dem Hunderte von Gelehrten ans einem Zeitraum von etwa siebenhundert Jahren zum Worte gelangen; wenn wir uns sagen, daß hier in dramatischer Lebendigkeit die Verhandlungen der Schulen, die Diskussionen der Gelehrten in den Lehrhäuser», gewissermaßen die stenographischen Niederschriften sich niedergelegt finden, wenn wir beachten, daß hier die mannigfachsten, auf den verschiedensten, ja entgegengesetzten Standpunkten stehenden Meinungen und Anschauungen zum Ausdruck gelangen; wer wollte den Talmud da verantwortlich machen, so hier und da eine Stelle sich findet, die, an dem Maßstabe unserer Zeit und den in derselben waltenden Anschauungen gemessen, unseren Tadel herausfordert, ein inhumanes Wort dem Munde eines der Redner entfährt! Denke man doch nur an unsere politischen oder kirchlichen gesetzgebenden Versammlungen. Wer möchte da Alles billigen und gutheißen! Wer möchte da die Verantwortlichkeit übernehmen für jedes Wort, das da geredet, für jede Anschauung, die da zum Ausdrucke gelangt, für jede Meinung, die wir da vertreten finden, oder wer möchte diese Verantwortlichkeit jenen Körperschaften selbst aufbürden, oder denen, die sie entsendet haben! Und darum, verehrte Versammlung, hat der Talmud neben seinen Schmähern und Verächtern auch stets seine wärmsten Freunde, seine beredtsten Verteidiger gefunden, und zwar in den erleuchtetsten Gelehrte», in den ausgezeichnetsten, edelsten Männern. Gegen den rohen, unwissenden Pfefferkorn, der am Schlüsse des Mittelalters den Talmud, jedes Verständnisses desselben entbehrend, angriff und verleumdete, trat der geistvolle, edle Johann Reuchlin ans, führte in entschlossener Weise seine Verteidigung und bewahrte ihn vor der geplanten Vernichtung. Der Streit um den Talmud wurde zu einem Schiboleth der Humanisten, zu denen Reuchlin zählte, und der Dunkelmänner, deren Werkzeug Pfefferkorn war. Und haben wir dieses Schauspiel nicht vor unseren Augen vor einigen Jahren sich wiederholen sehen? Gegen Rohling, den: vergebens ein Preis von tausend Thalern geboten wurde, wenn er nur eine Zeile im Talmud mit Verständnis lesen könne, trat der gelehrte und edelgesinnte Professor Franz Delitz ich ans, die Angriffe desselben aus der reichen Fülle seines rabbinisch-talmndischen Wissens heraus und ihn selbst in seine Schranken gebührend zurückweisend. (Forts, folgt).

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