Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 nur noch Einen unseres Stammes nennen, der, jener Zeit angehörig, mit seinem kühnen Adlerfluge sich weit über seine Zeit erhoben und derselben die Spuren seines Geistes unauslöschlich eingegraben hat: Moses ben Maimon oder Maimonides, in jüdischen Kreisen gemeinhin Rambam genannt. Zahlreiche Stellen haben insbesondere Thomas von Aquino, dessen philosophisches System der gegenwärtige Träger der Tiara, Leo XIII, wieder auf den Schild erhoben und' zu ernstlichen Studien empfohlen hat, und Albertus der Große, die gefeierte Autorität jener Zeit, den Werken des Maimonides entlehnt. So bieten uns die Juden während des finstereir Mittelalters freilich ein schmerzliches Bild des Leidens, unsagbaren Duldens, aber auch das erhebende, erfreuliche Bild geistiger Frische und geistiger Beweglichkeit: die Geschichte des Judentums hat, möchte ich sagen, kein Mittelalter aufzuweisen. Während die Kunst des Lesens und des Schreibens selbst in den vornehmsten Kreisen, dem Adel und den Fürsten, meist gänzlich verschlossen war, gab es unter den Juden selten Jemanden, den nian zu den Analphabetisten hätte rechnen dürfen. Und wenn auch die Studien, von denen wir gesprochen, nur in einzelnen bevorzugten Gegenden, in Spanien und in der Provence, und von einzelnen bevorzugten Gelstern gepflegt wurden, so zeichneten sich doch auch die breiten Schichten durch eine gewisse geistige Regsamkeit aus: sie lernten und forschten in der Bibel und in jenen Schriften, die unter dem Namen „Talmud" uns so bekannt und unserem Mund geläufig sind. Talmud! Da habe ich ihn genannt, den so viel geschmähten und gelästerten, den verdächtigten und verketzerten und zwar, verehrte Versammlung, fast ausschließlich nur von denen verdächtigt und geschmäht, die ihn oft niemals gesehen, die kaum eine Zeile in diesem Riesenwerke mit Verständnis zu lesen vermögen, und die, so oft sie es auch unternehmen, den Inhalt des Talmuds der Welt zu denunzieren, von anerkannten Kennern desselben, innerhalb wie außerhalb unserer Religionsgenossenschaft, der unglaublichsten Unwissenheit geziehen worden sind. Es ist ja der Talmud ein Werk, dem in der ganzen Weltlitteratnr kein auch nur entfernt ähnliches Erzeugnis an die Seite gestellt werden kann. Die Kenntnisse und Erfahrungen auf allen Gebieten der Wissenschaften, die sich unter den Juden bis zum fünften oder sechsten Jahrhundert entwickelt haben, vereinigt dies Werk in sich; doch nicht ihrer selbst wegen werden sie mitgeteilt, sondern als Unterstützlnigs- und Hülfsmittel für die große Aufgabe, die sich der Talmud gestellt: die der Zeit angemessene Erklärung, Fortbildung. Entwickelung des mosaischen Gesetzes. Mußte sich doch das Judentum, seinem ursprünglichen Boden, Palästina, entfremdet, unter veränderten Einflüssen und Lebensbedingungen zu einem neuen Gange durch die Zeiten, durch die Geschichte rüsten. Gesammelt nun aber nach den verschiedenen Wissenszweigen, der Mathematik, Geographie, Zoologie, Botanik, Medizin, Rechtskunde, Philosophie, Astrononiie u. s. w. würden diese Kenntnisse und Erfahrungen ein klares, anschauliches, überaus anziehendes Bild von dem Stand jener Wissenschaften darbieten, den sie zur Zeit des Talmuds eingenommen haben, wie dies auch schon, \ insbesondere in neuerer Zeit, durch zahlreiche Gelehrte mit mehr oder weniger Glück versucht wurde, wodurch der Inhalt des Talmuds in seinen vornehmsten " Partien weiteren Kreisen zugänglich gemacht worden ist. — Mitten im Talmud zerstreut sind aber auch, oft wie liebliche Oasen in dürrer Wüste, der Dichtkunst überströmende Ergüsse, labende Früchte am ewig grünenden Baume der Poesie, die sinnige, wunderliebliche Legende, die anmutige Sage, die belehrende Parabel, die Hymne, der knappe Sinnspruch, das kernige Sprichwort. Wie manche duftende