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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-05-01 · Heft 5 (1.5.1891) · p. Seite 100

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 5 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 nicht, nachdem längst Judäa aus der Reihe der Völker und Staaten gestrichen war, eine andere mächtige, weit verbreitete Religion, die noch heute den ganzen Osten beherrscht, das Glaubeusleben vieler Millionen ordnet und bestimmt, aus den- Schoße des Judentums hervorgegangen, der Islam? Dort in Arabiens Wüste lebte ein wildes, ungezügeltes Volk, in dessen Mitte das Bedürfnis nach einer neuen Religion rege ward. Dem Judentume entnahm dieses Volk seinen Gottesbegriff, es schuf sich eine eigene Bibel, den Koran, der, was er Großes, Erhabenes in sich schließt, unserer Bibel entlehnt hat. Mit dem Rufe: „Es giebt nur einen Gott", dieser unserer Grundlehre, dnrchstürmte der Araber auf seinem flüchtigen Rosse fast die ganze Welt, zuerst mit rauher Hand sie erobernd, allenthalben den Halbmond aufpflanzend, Europas Völker insbesondere nnt seinem Schwerte bedrohend. Aber aus der von Juda erborgten Geistessaat erwuchs auch ein neues Geistesleben, eine neue Kultur. Aus den rauhen, ungestümen Kriegern, die die Welt durchstürmten, wurden Pfleger, warme Freunde der Wissenschaft, die sich die geistigen Schätze des Altertums durch Uebertragung in ihr Idiom wie durch selbstständige Forschnng zu eigen machten. Jahrhunderte trugen sie, die Araber, die Leuchte voran. Eine reiche Litteratur erwuchs aus dieser Thätigkeit, und die Juden — sie »lachten sich zu Verinittlern dieser neue» arabischen Kultur: sie übersetzten die neuen Werke, die Erzeugnisse dieser Litteratur, ins Hebräische, aus welcher Sprache sie dann in andere Sprachen, insbesondere ins Lateinische, übertragen wurden. Die Welt aber durfte diese wissenschaftlichen Bestrebungen uni so dankbarer aufnehmen, als die jüdischarabische Litteratur damals die einzige war, die den Denkenden und Forschenden wenigstens einige genießbare Nahrung darbot für ihren Geist. Denn, verehrte Versammlung, es war ja das Mittelalter mit seiner erschreckenden Geistesdürre, das Mittelalter, das, wie ein bleiernes Gewicht, sich auf die Geistesschwingen legend, die europäische Welt beherrschte. Da waren es denn die Juden, die neben den Arabern, aber in weiteren, ausgedehntereil Kreisen, insbesondere in dem vom Islam beherrschten Spanien, in der Provence, der Welt des Geistes neue Impulse gaben, neue Stoffe zuführten, mit neuen Keimen den Geistesboden befruchteten. Gab es doch keinen Zweig der damals gepflegten Wissenschaften, der nicht von Juden augebaut, gepflegt, niit neuen Ideen bereichert worden wäre: Astronomie und Mathematik, Sprachkunde und Exegese, Naturwissenschaften und Medizin. Auf allen diesen Gebieten, insbesondere auf dem Gebiete der Philosophie und Medizin, nahmen Juden eine hervorragende Stellung ein. Waren sie doch selbst Schöpfer der Scholastik, die, wie sie auch alles geistige Leben in todte Formeln bannte, doch iinmerhill den Geistesfunken in der mittelalterlichen Finsternis unterhalten hat. Denn in der damaligen Geisteswüste war es insbesondere ein philosophisches Werk, das, den bezeichnenden Namen Quelle des Lebens tragend, während des ganzen Mittelalters den Gelehrten wissenschaftliche Anregung bot, gleichsam an jenen Quell erinnernd, beit einst Moses in der Wüste mit seinem Stabe erschlossen hat. Erst gegen Ende der fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts, eruirte ein jüdischer Gelehrter, der scharfsinnige Munk in Paris, daß sich unter dem verstümmelten Namen des Verfassers Avicebron oder Avicebrol kein Geringerer berge, als der berühmte jüdische Dichter und Philosoph Salomon ben Gabirol, dessen herrliche Lieder Geiger durch seine meisterhafte Uebertragung ins Deutsche weiteren Kreisen zugänglich gemacht hat. Jenes Werk Mekor chaim, fons vitae, Quelle des Lebens war es, das das ganze Mittelalter geistig beherrschte. Lassen Sie mich nun

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