Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Und in der That, scheinbar ist ja auch Judäa vom Schauplatze der Geschichte abgetreten wenn mau darunter versteht, daß es seit achtzehnhundert Jahren keine Kriege mehr geführt, keine Schlachten mehr geschlagen; aber wer könnte leugnen, daß es dennoch auf allen Schlachtfeldern des Gedankens tapfer gekämpft und gelitten und zahlreiche Narben und Wunden aufzuweisen hat! Läßt sich nun aber nur da von einem geschichtlichen Dasein reden, wo die Geschicke der Völker unter dem Donner der Geschütze zur Entscheidung geführt werden? Offenbart sich der Geist der Geschichte denn nicht auch fern von den Stätten, wo die Völker aufeinander schlagen, im still umfriedeten Dasein, wenn da neue Geistessaaten ausgestreut werden, die frisch und fröhlich gedeihen, wenn da das Geistesleben neue Impulse enipfängt, die es mächtig fördern und neue Formen und Gestalten ihm verleihen? Wir kennen alle jene Vision, die einem Propheten im alten Judäa einst geworden. Ihm wird eine Offenbarung zu Teil. Ein gewaltiger Sturm, der Bäume entwurzelt, Felsen zerklüftet, erbrauset vor ihm, doch ihin wird die Lehre: Nicht im Sturme ist der Herr. Feuer, loderndes, verzehrendes Feuer bricht aus, doch ihm wird bedeutet: Nicht im Feuer zeigt sich Gott. Doch als des Zephyrwindes mildes Säuseln sich erhob, da ward es Elias offenbar: das ist der Ewige, so offenbaret sich Gottes Majestät. Und wahrlich, auch mit dem Geiste Gottes, der sich in der Geschichte offenbart, ist es ähnlich. Nicht im Sturme nur, im Donner der Schlachten, nicht im Feuer nur, im Feuer der Geschütze, sondern insbesondere auch im milden, sanften Säuseln des Kultur- und Geisteslebens offenbaret sich der Geist, der in der Geschichte lebet und waltet, schafft und wirkt. Und messen wir nun an diesem Maßstabe die stillen, geräuschlosen Thaten der Juden, nachdem des stolzen und mächtigen Roms zermalmender Fuß über sie ist dahingeschritten und sie von des erbarmungslosen Eroberers rauher Hand aus ihrem einstigen Besitztum sind vertrieben worden, denken wir an die Geistessaaten, die von ihnen sind ausgestreut worden, an die neuen Keime, mit denen sie den Geistesboden befruchtet, an die neuen Impulse, die von ihnen sind ausgegaugen, wer wollte da nicht den Juden ein geschichtliches Dasein zugestehen! Ja, verehrte Versammlung, so lange wir einer Gesammtheit eine Geschichte zuerkennen, die tief in den Entwickelungsgang der Menschheit eingegriffen, so lange müssen wir auch von einer Geschichte der Juden und des Judentums reden, mögen sie auch, bis auf die Religion, auf jedes Sonderleben verzichtet, mögen sie auch, bis auf das Glaubensband, jedes einigende Band bereitwillig aufgegeben haben. Nach dem Gesagten werde ich mich wohl nicht der Verpflichtung entziehen können, den Einfluß, den die Juden auf den Gang der menschlichen Entwickelung geübt, wenigstens doch in großen Zügen uachzuweisen. Daß die Juden an der Wiege der einen großen und mächtigen, ja weltbeherrschenden Religion gestanden, die unleugbar zur Sittigung der Menschen so Vieles beigetragen, ja, daß diese Religion, durchtränkt von jüdischen Ideen und Anschauungen, aus dem Schoße der unseren hervorgegangen und der ganzen zivilisierten Welt gewissermaßen ein jüdisches, oder, wenn wir uns des Schlagwortes unserer Zeit bedienen wollten, ein semitisches Gepräge verliehen hat, bedarf für den Eingeweihten keines Nachweises, fällt aber nicht in den Rahmen unserer Betrachtung, da sich dies ja zu einer Zeit vollzog, in der und für die man dem jüdischen Volke eine historische Berechtigung noch zugesteht. Aber ist 9*