Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Erachtens in allen Gemeinden neben der Kanzel das Katheder sich emporrichten, von dem herab die Wissenschaft des Judentums gepflegt und die Resultate derselben in populärer, allgemein verständlicher Form den Genossen der Gemeinde dargeboten werden, damit sich hierdurch eine verständnisvollere Erfassung und Würdigung der Religion und des zu ihr Gehörigen anbahne, wie ja auch stets, bis an die Pforten der neueren Zeit, neben der Synagoge sich das Lehrhans Beth-ha-Midrasch erhob, wo die jüdische Wissenschaft, die Lehre, freilich im Geiste jener Zeit, ihre eifrige Pflege fand. Denn, verehrte Versammlung, ans dem Wissen ruht das Judentum: nicht ein bloßes, blindes Hinnehme», das die Vernunft in Fesseln bannt und Schweigen ihr auferlegt, fordert dasselbe, sondern ein auf dem Boden der Erkenntnis und des Wissens sich aufbauendes Glanbensleben begehrt unsere Religion als das Höchste von ihren Bekenner«, unsere Religion, die in ihren Bekenntnisschriften den Ausspruch gethan, daß der, welcher des Wissens und der Erkenntnis bar, niemals sich zu den lichten Höhen der Religion erheben könne. So, verehrte Versammlung, liegt in der Religion des Judentums, deren erleuchtetster Lehrer einst den Wunsch ausgesprochen, daß die ganze Gemeinde aus lauter Wissenden bestehe möge, die unabweisbare Forderung der Pflege der Wissenschaft ausgesprochen — der Wissenschaft des Judentums. Als einen bedeutsamen, hervorragenden Zweig der Religionswissenschaft, ja, was sage ich? als die Wurzel derselben dürfen wir wohl mit Fug und Recht die Geschichte des Judentums bezeichnen. Ist nämlich die Gegenwart das Produkt der Vergangenheit, bildet sie gleichsam die Zauberbrücke, die aus dem Lande der Vergangenheit in das Land der Zukunft hinüberführt, dann besitzen wir in der Kenntnis der Vergangenheit ich möchte sagen, den Schlüssel für das Verständnis der Gegenwart. So ist es denn die Geschichte, die uns erst die Gegenwart und ihre Erscheinungen begreifen, versteheil lehrt, die den freien, ungetrübten Ausblick in die Zukunft und ihre Gestaltung uns eröffnet. In der Erkenntnis der Vergangenheit liegen somit auch die Wurzeln unserer Kraft. Was wäre darum ersprießlicher für eine Gesammtheit, als die Pflege ihrer Geschichte! Ja, gleicht eine Gemeinschaft, die der Kenntnis ihrer Geschichte ermangelt, nicht einem Menschen, der die Kraft des Gedächtnisses entbehrt? Und sprechen wir im Besonderen von uns. Wo gäbe es einen Stamm, dessen Geschichte mehr Würdigung, mehr Pflege verdiente, als die unserige! Wo gäbe es aber auch einen Stamm, dessen Geschichte mehr Gemeingut der ganzen zivilisierten Menschheit geworden, als der jüdische, ans der die Welt so viele treibende Impulse gewonnen, ans der sie ihre Ideen über das Übersinnliche geschöpft, ihre Vorstellungen über Gott, ihren Sittlichkeitsbegriff! Ruht doch die Welt des Geistes insbesondere ans dem, was drei Völker des Altertums ihr an geistigen Gütern gespendet haben. Hat Hellas die Welt die Gesetze des Schönen gelehrt, verdankt sie Rom die Ausbildung des formalen Rechts, so hat Judäa die Menschheit gut sein gelehrt und hat ihr einen Gott gegeben. Wie bereitwillig man nun aber auch den Inden ein geschichtliches Leben während ihres einstigen staatlichen Bestandes zngesteht, so glaubt man ihnen doch vielfach ein solches mit demselben Augenblicke absprechen zu niüssen, mit dem das einigende staatliche Band gelöst und sie in andere Staatskörper, als Teile derselben, eniHetreten sind. Mit diesem Momente meint man, uns als Faktor in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit streichen zu müssen.