Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 92 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Durch dieses Beginnen wurde der ungarische Landtag und selbst Franz Deal dazu veranlaßt, zu beschließe», es habe von nun an jede Fraktion das Recht, sich separat zu organisieren und zu verwalten, ein Machtspruch, der, auf irriger Grundlage entstanden, auch zu bedauerlichen Consequenzen fuhren mußte. — Vorerst war es nun mit dein jüdischen Selbstbestiinniungsrechte und mit der Möglichkeit, große, einheitliche Erfolge zu erzielen, zn Ende. Die Zersplitterung jüdischer Kräfte war Wasser auf die Mühle der Antisemiten, die sich mit den Feinden des Fortschritts innig verbanden, nin dem Jndentnm vollends den Boden der Existenz zu entziehen. Zum Glück siegte aber die nüchterne Einsicht der Besseren und es kam vorerst zu keinem Gewaltakt. Mittlerweile war Eötvös gestorben und sein Erbe in die Hände Aug u st Tresor t's übergegangen. Dieser, ein abgeklärter, gebildeter und ruhiger Geist, war jedenfalls mehr Patriot, als Judenfrennd. Vor Allem aber war er ein Mann der Ordnung, der nicht so sehr im besonderen Interesse der Inden das that, ivas er eben für gut fand, sondern in Rücksicht auf die Staatsimeressen, die es in Ungarn dringend erheischte», daß das sonst ganz nützliche Element der Jndenschaft nationalisirt, modernisirt und dem Staatswesen als integrirender, assiinilirter Teil eingefügt und verwerthet werde. Das war Trefort's Programm, nicht aber das rein humane, liberale Prinzip, wie es gar Viele noch heute glauben. Er betrachtete die jüdischen Fragen stets vom Gesichtspunkte des Staatsmannes und tvar bestrebt, Ordnung zn schaffen, ohne Rücksicht auf Autonomie und konfessionelle Bedenken. Alles, was Trefort sagte und that, gntznheißen, vermöchte nur Derjenige, der für jüdische Interessen weder Sinn noch Gefühl, iveder Herz noch Ohr hat. Wir wollen nur an unsere jiidischen Gelehrten erinnern, die entweder auswandern, oder ihre Religion abschwören mußten, denen aber als Drittes kaum etwas anderes übrig blieb, als elend zu verkomnien. 1)6 rnortuio ml nisi verum. Und doch wäre es schnöder Undank, wollte Jemand leugnen, daß wir durch Trefort's Initiative auch manches Gute erhielten. Um den jüdischen Gemeinden modern gebildete Rabbiner zu geben, die berufen sein ivürden, für Gesittung und Bildung ihres Stammes einzusteheu, eine Notwendigkeit, die er wieder nur als Staatsniann und nicht als Judenfrennd empfand, schuf er das ungarische Landes-Rabbinenseminar aus dem jüdischen Landesschulfond. Hätte Trefort nichts Anderes gethan, als dieses, wir wären ihm für immer zu Dank verpflichtet. Diese Musteranstalt hat sich während der kurzen Zeit ihres Bestandes alle Sympathieen jüdischer und nichtjüdischer Kreise erworben. Sie ist eine kulturelle Institution ersten Ranges und bildet nun für Ungarn das höchste Forum in jüdisch-konfessionellen Angelegenheiten. Auch Antisemiten haben anerkannt, daß an dieser jüdischen Laudesunterrichts-Anstalt wahrer Forschergeist, gediegenes Wissen und'patriotischer Sinn walten, die des Wohlwollens aller Gebildete» würdig sei. Wir, die wir das Glück haben, dieses Institut näher zn kennen und die wir den Leistungen von Professoren und Jüngern vollste Aufmerksamkeit znwenden, wir dürfen wohl in verläßlicher Weise behaupten, daß das Rabbinenseminar den Glanzpunkt dessen bildet, was wir bisher ans der Hand einer nationalen Regierung empfangen.