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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-04-01 · Heft 4 (1.4.1891) · p. Seite 91

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 4 (1.4.1891)
Date
1891-04-01
Page
Seite 91 (sequence 19)
Language
German
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91 der Menschheit stets zn hören waren. Das Programm für ein Jahrhundert war — geboren. Allein vom Gedanken znr T h a t ist oft mehr, als ein Schritt. Die mächtigen Wogen jener Freiheitsepoche glätteten sich allmählich; die Schlagworte waren verklungen und es folgte eine Stille, welche Alles eher, nur nicht „Fortschritt" bedeutete. Der nationale Genius sank erschöpft zu Füßen der Macht. Es folgte der politisch-kategorische Jniperativ, der dritthalb Lustreil hindurch Geister und Gemüter gefangen hielt. Erst als weitere weltbewegende Ereignisse dem Denkvermögen neuer Männer jene Richtung bestimnit hatten, in welcher nun ein Vorwärtskommen möglich wäre, da regte sichs wieder in allen Gliedern und die Sehnsucht nach dem Morgenrot eines geregelten Rechts- und Verfassnngslebens hatte sich bald in den Herzen von Millionen Bahn gebrochen. Franz Deak appellirte an seinen König und dieser, einer der edelsten und gerechtesten Fürsten, erfüllte die begründeten Wünsche seines Volkes, worauf endlich der warme, lichte, lebenspendende Tag der Versöhnung heranbrach. Null hieß es, in die neugeschaffene Situation System bringen. Ein schlveres Stück Arbeit, da Ungarn ja bisher nur ein „Schemen" gewesen, ein politischer Begriff ohne Leib und Leben. Und wieder war es Frailz Denk, der den Negiernngsmännern in der Leitung der Geschicke des neuerstandenen Staates zur Seite stand und dem ungarischen Landtag Geist und Weisheit einhauchte. An der Spitze der kulturellen und konfessionellen Angelegenheiten befand sich damals das weitausblickende Genie eines Baron Josef v. Eötvös, dessen Geist und Herz — zwei Altäre der Menschheit — für alles Schöne und Gute durchglüht, nur Begeisterung zu erwecken bestrebt waren. Auch die jüdischen Frageil sollten ihre Behandlung finden. Eötvös war ein zu großer Menschenfreund, ein zu reeller Charakter, als daß er es ruhig hätte mitansehen können, wie erbärmlich elend sich das jüdische Gemeindewesen von Tag zu Tag hinschleppe. Wohl gab's bei der Grundlegung zum festen Aufbau eines nationalen Ungarns ungemein viel zu thun, denn Nichts war da und Alles wollte die Nation haben, doch Eötvös fand trotzdem Gelegenheit, auch der 600,000 Juden zu gedenken, die auf ihn blickten, Hilfe und Schutz erwartend. Und Eötvös that, was er thun konnte. Vor Allem glaubte er den jüdischen Interessen damit zu dienen, daß er Gelegenheit bot, diese durch die Interessenten selbst beraten zu lassen. Auf dem jüdischen Landeskongreß sollten jene Mittel und Wege gefunden werden, die der jüdischen Konfession in Ungarn ein besseres Dasein ermöglichen würden. Leider hatten aber die Juden sich selber den Weg ins „Gelobte Land" versperrt. Die begeisterten Fortschrittsmänner wollten zu weit „vorwärts", die Anderen, die sogenannten Orthodoxen, hinwieder blieben auf dem sterilen Fels starrer Negation festgebannt und waren um keinen Preis der Welt aus ihrer pfadsperrendeu Situation zu bringe». War b i s zum Kongreß für das jüdische Gemeindewesen do'ch die Hoffnung vorhanden, daß es besser werden müsse, so blieb nach dem Kongreß auch diese nicht mehr. Ein höllischer Dämon spaltete fast alle jüdischen Gemeinden in ohnmächtige Fraktionen — neologe und orthodoxe — die sich nun gegenseitig mit unbarmherziger Rücksichtslosigkeit befehdeten und — was das betrübendste an der Sache war — selbst die Landesstellen zur Parteilichkeit heranziehen wollten. 8*

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