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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-04-01 · Heft 4 (1.4.1891) · p. Seite 88

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 4 (1.4.1891)
Date
1891-04-01
Page
Seite 88 (sequence 16)
Language
German
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88 oder schon in der Verleugnung oder Aufgabe einzelner Glaubenssätze oder Gesetzesvvrschriften den Begriff der Sekte finden wollte. Ganz ähnlich verhält es sich mit der uns vorliegenden Frage: Giebt es Dogmen im In den tu me? JsOein Dogma eine positiv ausgesprochene Lehrmeinung, deren Annahme zur Seligkeit unbedingt unerläßlich ist, so hat das Judentum keine Dogmen, denn solche Glaubensartikel im Sinne des Christentums als unerläßliche Grundbedingungen der Seligkeit hat weder das biblische noch das nachbiblische Judentum. Das Judentum setzt allerdings Glaubenswahrheiten als Vorbedingungen des rechten Lebenswandels voraus, es fordert aber nur die Glaubensfrucht — die That. — Mendelssohn sagt in seinem „Jerusalem" (II. Theil) „Nute! allen Vorschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes lautet kein einziges; Du sollst glauben oder nicht glauben, sondern alle heißen: Du sollst thun oder nicht thnn! Dem Glauben wird nicht befohlen; denn der nimmt keine andere Befehle an, als die, welche durch den Weg der Ueberzeugung zu ihm kommen." Diese Auschanung Meldelssohns wird man obgleich ihr seiner Zeit mehrfach widersprochen worden ist, als durchaus zu treffend gelten lassen müssen. An vielen Stelleil der heiligen Schrift sind die Hauptlehren des Judentums in kurzen Sätzen zusammengefaßt. So (5. Mos. 10, 12): „Und nun Israel! was fordert der Ewige, dein Gott, von dir, als nur, den Ewigen, deinen Gott, zu ehrfürchten. in allen seinen Wegen zu wandeln, ihn zu lieben; zu dienen dem Ewigen, deinem Gott mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele!" (Micha 6, 8): „Man hat cs dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was der Elvige, dein Gott von dir fordert: die Uebnng des Rechts, die Liebe zum Wohlthun lind den bescheidenen Wandel mit den« Ewigen, deinem Gotte." (Mal. 2,10): „Haben wir nicht Alle Einen Vater? hat nicht Ein Gott uns geschaffen? Warum sollte treulos sein einer gegen den andern, zu entweihen den Bund unserer Väter? Hierher gehören auch Psalm (5, 15) mit der Frage beginnend: Ewiger, wer darf in deinem Zelte weile», wer darf auf deinem heiligen Berge wohnen? . . Psalm (24, 3—6) mit der Frage beginnend: „Wer darf den Berg des Ewigen besteigen, wer stehen an seiner heiligen Stätte?" Jesaia (33, 14 15) mit der Frage beginnend: „Wer vermag zu weilen beim fresseuden Feuer?" und viele andere. Die Antworten auf alle diese Fragen, das Ganze der Religion betreffend, sind stets eine Reihe von Sätzen der reinsten Frömmigkeit und Sittlichkeit der höchsten Tugend und nirgend begegneil wir der Autlvort: „Wer dieses oder das glaubt". Bekannt ist, daß in der talmudischen Zeit der große Lehrer Hillel, als ein Heide den Gesammtinhalt der jüd. Religion in möglichst kurzer Zeit von ihlil zu wissen begehrte, den Ausspruch that: „Was dir mißfällt, das thue auch deinem Nächsten nicht." Das ist das ganze Gesetz; das andere ist Auslegung. Geh, lerne es! (Sabbath 31 u). Soll aber Dogma eine Grundwahrheit bedeuten, auf welcher die Religion sich a ufbauet, oh ne welche das Judentum nicht denkbar ist, — so haben wir allerdings — nicht etwa Dogmen — wohl aber ein Dogma, nämlich das von der Einheit und Ewigkeit Gottes, das ja auch der Herr Fragesteller als selbstverständlich voraussetzt. Allen oben angeführten Biebelstellen, die das Ganze der Religion darstellen, liegt dieser Gottesglaube zu Grunde.

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