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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-04-01 · Heft 4 (1.4.1891) · p. Seite 86

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 4 (1.4.1891)
Date
1891-04-01
Page
Seite 86 (sequence 14)
Language
German
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— 86 - anknnpfen, auf dem Vorgefundenen Untergründe weiterbauen. So ist es psychologisch geboten »nd pädagogisch gerechtfertigt; es läßt sich nicht überall gleich tabula rasa niachen und immer sofort ein Neues aufbanen; man muß im Einzelnen wie im Ganzen, beim Kinde wie beim Volke, Vieles, ja das Meiste, der Zeit und Entwickelung überlassen. Die Entlvickelnng und der Fortschritt haben im Judentum zu keiner Zeit geruht, sein ganzes Schrifttum, biblisches und nachbiblisches, Thora, Propheten und Hagiographcn, kanonisches und apokryphisches, talmndisches und rabbinisches Schrifttum bis auf diese Zeit zeugen davon. Auch das Christentum ist ein Kind seiner Zeit, es ruht auf den Lehren des Judentums und ist mit dem von ihm betonten Princip der Liebe nicht über dieses hinansgegangen. Die Bergpredigt enthält zwar scheinbar einige neue Lehren idealistischer Liebe, wie das Gebot von der Wange, die man dem Schläger, vom Mantel, den man dem sliüuber hinreichen solle; aber zur Verwendung int praktischen Leben sind diese nicht geeignet und auch noch in keinem modernen, sogenannten christlichen Staate verwirklicht worden. Das Judentum ist die Wurzel aller Neligionen, alle religiösen Enlwickelnilgen sind Keime der Pflanzungen dieser Wurzel. Wir sehen, auch die niosaische Lehre und Gesetzgebung ist in manchen Teilen ein Kind ihrer Zeit und nicht durchgängig und ausschließlich ideale Erfindung oder göttliche Offenbarung. So fand auch Moses die Sklaverei vor, er führte sie weder ein, noch schaffte er sie ab, er mußte sie dulden, suchte sie aber erträglich zu machen und ihre Formen und Folgen zu mildern. Auch die Kriegführung beschränkte er auf das notwendigste und vermenschlichte sie. Sogar die Sabbatfeier, die Feier des siebenten Tages, knüpft sich an die bestehende Saturnusfeier (8aturcka^) an, denn gerade dieser böse Gott — dem Teufel stellt man zwei Stühle — wurde besonders verehrt; der siebente Tag galt nach dem Volksgebranch als herkömmlicher Feiertag, dem Moses nunmehr eine monotheistische Bedeutung gab und mit dieser Modifikation als Sabbat beibehielt; Sab, Sabbata ist sogar der alte, aramäische Name für Saturn und gleichzeitig Bezeichnung für die Zahl „sieben" (hebr. schein, lat. septem und so entsprechend in anderen Sprachen). Trotz des fremden Ursprungs aber ist die Sabbatfeier mit dem Gott und der Lehre des Judentums innig verwachsen. Auch der Gottesname Jhvli (John, Ju) ist ursprünglich fremd und heidnisch (Ju-piter, Dju, Dien); Moses knüpfte an Bekanntes und Gewohntes an, er behielt den alten Gottesnamen bei und gab ihm einen neuen, monotheistischen Begriff, der mit der Zeit die ursprünglich fremden und heidnischen Beziehungen vergessen machte. Aehnlich ist es mit nnserm deutschen „Gott", welches aus „Götz" (Götze d. i. gegossenes Bild) entstanden; wir verbinden damit heute einen andern Begriff und denken nicht mehr an die ursprünglich heidnische Bedeutung. Auch der Opfergottesdienst ist eine fremde Einrichtung, welche das Judentum nicht als eine ewige aufnahm und bewahrte. Die Agrar- und Armengesetzgebnng der Thora ist eine lokale, zeitliche; die Form hat gewechselt, nur die Idee, welche ihr zu Grunde liegt, ist ewig. Selbst wenn sie für Palästina dauernd sein müßte, so kann sie es doch nicht für die ganze Welt und Menschheit sein, für welche die Religion des Judentums mit bestimmt ist, um universell zu sei». Der universelle Charakter der Thora liegt zunächst im Dekalog, der nicht zehn Ge- und Verbote, sondern zehn Worte d. i. Grundsätze enthält, Principien der Gottes- und Morallehre (Dogmatik und Ethik). Diese waren, wie es heißt, in Stein mit dem Finger Gottes geschrieben; d. h. sie sind ewig und unabänderlich. Diese wurden im Heiligsten aufbewahrt und machten wohl zunächst die geschriebene Lehre (tora sckebiksaw) aus- Sie waren aber

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