Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969782-2969786--3192-2973090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Polemik der Kirche gegen das Judentum ist fast so alt, wie jene selbst; das Judentum hat ebenso früh anfangen müssen, sich zu vertheidigen. Schpn der Talmud bringt »ns Zeugnisse darüber, und selbst die Verhandlungen über das in Rede stehende Gesetz scheinen nicht nur einen juridischen Zweck zu habe», sondern auch eine apologetische Absicht in sich zu bergen. Mit den Angriffen mehrten sich auch die Verteidigungsschriften während der ganzen Folgezeit, aber alle Belehrungen auch über dieses specielle Gesetz haben keinen durchdringenden und dauernden Erfolg gehabt. Man blieb dabei, der Gott und die Religion Israels sind nicht universell, sondern national, der Gott und die Religion Israels sind nicht ein Gott und eine Religion der Liebe, sondern der Rache. Zum Beweise dafür diente auch das Gesetz von „Auge um Auge" re. Von den positiven Beweisen aus der jüdischen Lehre, welche für einen Gott und eine Religion der Liebe sprachen, sehen >vir heute ab, wir beschränken uns nur ans das specielle Gesetz, um zu beweisen, daß es nicht gegen unseren Gott und unsere Religion zeuge. Das Gesetz ist freilich ein Gesetz der Vergeltung, aber nicht der Rachsucht, es gehörte zur ehemaligen Volksjustiz und ist ein Gebrauch und Modus ehemaliger Justificirnng. Auch die sogenannte Blutrache wird fälschlich so bezeichnet, sie findet sich, wie bei den alten Israeliten, auch bei anderen Völkern der Vorwie Jetztzeit; sie wird aber nicht als vinclicta „Rache", sondern als talio (jus talionis) „Vergeltung" bezeichnet und wurde auch ohne Rachegesühl und Erregung zur Sühne des Mords und des verletzten Rechts vollzogen/uach ehemaligen Begriffen und Anschauungen auch zur Beruhigung des vergossenen Bluts- Aus solchen Anschauungen und Begriffen ist ja auch die Todesstrafe ursprünglich entstanden und diese wird auch in unserem biblischen Gesetze als Cousegueuz oder Ausgangspunkt und Prineip angeführt: „Leben für Leben, Auge für Auge u. s. tu." In ähnlichem Sinne sagt auch die Bibel beim ersten Brudermord: „das Blut schreit aus der Erde". Vielfach wird heute noch die Todesstrafe als ein Vergeltungsmodus angesehen zur Sühne des vergossenen Bluts und des verletzten Rechts, erst in zweiter Reihe als Abschreckungsmittel, zur Weckltng des Gewissens; sie gilt in gleicher Weise nicht als Racheakt, sondern als Akt der Rechtsübung. Das biblische Gesetz ist demnach nicht als Lynchjustiz und als Folge der Erregung auzusehen, und selbst dieser Modus kommt heute noch, und nicht ausschließlich bei den Wilden, sondern auch in Kreisen civilisirter Völker vereinzelt vor. Moses fand dieses Gesetz in seiner Zeit überhaupt, auch bei de» Israeliten noch vor; es wurde ihm überliefert und er mußte mit dieser Volksgewohnheit als mit einem gegebenen Faktor rechnen, denn kein Gesetzgeber vermag eingewurzelte Volkssitten, Anschauungen und Gewohnheiten mit einem Federstrich wegzuschaffen. Solcher Gewohnheiten, Bolksgesetze und Gebräuche fand Moses mehrere vor; sie wurden ihm als Gesetzgeber überliefert, und er mußte sie, vorläufig wenigstens, bestehen lassen, ihre Macht und ihren Einfluß berücksichtigen. Ein ähnliches Volksgesetz ist die Blutrache. Wir erwähnten schon, daß diese Gesetze nicht gerade und immer ein Ausfluß der Rache und Erregung waren, sondern ein Modus der Vvlksjustiz, eine besondere Art der Justificirnng. Die Blutrache findet sich auch noch bei den südlichen und östlichen Völkern, bei Völkern mit leicht aufwalleudem und erregtem Blute, welche eine sorgfältige Untersuchung nicht anwenden; darum die mosaische Einrichtung der Asylstüdte, wohin der Mörder fliehen und sich dem ordentlichen Gericht stellen mußte. Der Ausdruck „Rache" ist nur Bezeichnung für „Vergeltung". So sagt die Bibel von Gott