Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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83 liche und Materielle zu richten. Nur in einem der Andacht geweihten Heiligtuine, in einem Tempel Gottes, wo Alles, die Thora, die Bundeslade, das beständige Licht und die andern heiligen Geräte den Israeliten an seine» Beruf erinnern, kann er sich von den Banden des Alltagslebens losreißen, allen schädlichen materiellen Genüssen entsagen, seine Leidenschaften beherrschen und sich ganz vergeistige», um die höchste Stufe der Gottähnlichkeit erklimmen zu können. Unsere Weisen sagen daher mit Recht: Die wahre Andacht herrscht nur im Gotteshause, daher das Gebet nur dort Erhörung und Gewährung finden kann. Und wie glücklich darf sich der preisen, der beten kann, der das Bedürfnis fühlt zu beten, der sich durch das Gebet neu gestärkt und gekräftigt, erbaut und gehoben fühlt, selbst wenn er sich in der traurigsten Lage befindet; wer aber nicht beten kann, wer nie das Bedürfnis fühlt zu beten, wen selbst das erhabendste schwungvollste Poesie- und phantasiereichste Gebet "'cht zu ergreifen vermag, der muß in verhängnisvollen Momenten, von welcher kein Sterblicher hinieden verschont bleibt, verzagen und verzweifeln, denn es fehlt ihm jeder Halt, jede Stütze. Mit Recht wird daher „^.docka,, der Gottesdienst eine Säule des Judentums genannt. Diese Säule aber ist der modernen Zeit in so manchen Gegenden erschüttert worden. Verdient aber das moderne Judentum, so höre ich erstaunt ansrufen, diesen Vorwurf? Bildet nicht gerade in unserer Zeit das Gotteshaus den Mittelpunkt, wo das ganze religiöse Leben sich konzentrirt? Spielt nicht in unserer Zeit der Gottesdienst die hervorragendste Rolle im religiösen und knltnrrellen Leben der Gemeinden? Hat man je für die Erhaltung des Gotteshauses und des Gottesdienstes solch' riesig große Opfer gebracht als in der Gegenwart? Herrscht in den modernen Gotteshäuser» nicht die musterhafteste Ordnung, wird da nicht, entsprechend den Worten des Psalmisten: „In Chören will ich Gott preisen", nach Gesetz, Maß und Regel gesungen und gebetet? Giebt es nicht viele Gemeinden, in welchen den Worten des königlichen Sängers gemäß: Jünglinge und Jungfrauen, die Alten >vie die Jungen gleichsam miteinander wetteifern, so es gilt den Herrn Zebaot durch erhebende Gesänge zu feiern und zu verherrlichen '? (Fortsetzung folgt.) Auge um Auge, Iahn um Aaßn. Von Rabb. Dr. Rothschild. Das biblische Gesetz „Auge um Auge u. s. w." bildet eine alte Anklage gegen das Judentum. Die christliche Polemik beruft sich darauf, um die Erhabenheit der Tochterreligion über die Mutterreligion darzuthun, da dieses Gesetz offenbar von einer niederen Gesinnung, von einer gemeinen Rachsucht zeuge, welche Volk und Zeit von damals beherrschen; hierdurch sei auch die jüdische Gesetzgebung und Religion, welche solches fordere und lehre, als eine untergeordnete und auf niedriger Stufe stehend gekennzeichnet. Wie man nur immerfort die Wurzel tadelt, aus welcher der gute Baum der christlichen Lehre und Religionserkenntniß hervorgewachsen ist! Das Vorurtheil ist alt und mächtig, durch christliche Schulen, christliche Schriften und christliche Umgebung vielfach auch bei den Jude» genährt, und jüdische Kenntnisse sind bei diesen gegenwärtig nicht immer stark und verbreitet genug, »in für sich und andere eine Widerlegung zu unternehmen. Ich bin um eine Belehrung darüber angegangen worden und zwar aus unbekannten Kreisen und aus weiter Ferne; ich stehe deshalb nicht an, eine solche im öffentlichen Interesse für weitere Kreise zu veröffentlichen.