Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 herrschenden Bestrebungen den lebhaftesten Antheil genommen, immer und überall in Lebensweise und Umgangsart, in Sitte und Gewohnheit sich den Völkern in der^n Mitte es lebte angeschlossen und siehe da, seinen Glauben, seine Ueberzeugung, seine Lehre, seine geistige Selbständigkeit hat es dennoch in unveränderter Treue bewahrt und aufrecht erhalten. Eines der ältesten und lehrreichsten Beispiele giebt uns hierfür das Verhalten Esthers, deren Thun das Purim-Fest uns in Erinnerung bringt. Frühzeitig durch den Tod ihrer beiden Eltern beraubt, kommt sie in das Haus eines Verwandten, in das Haus Mordechais, der obwohl er, wie das ausdrücklich angegeben ist, dem Stamme Benjamin angehörte, dennoch auch ein Mann aus dem Stamme Juda genannt wird, welcher Widerspruch sich einfach dadurch löst, daß er durch letztere Bezeichnung als ein Mann von ausgeprägter, entschieden jüdischer Gesinnung hingestellt werden soll. Hier wird Esther erzogen und es ist gewiß, daß die Lehren Mordechais, dem sie ja selbst als Königin noch in Allem so gehorsam war, auch ihr Herz erfüllten und ihren Lebensgang leiteten. Nun wird sie aber in unerwarteter Weise in eine Stellung erhoben, bei der die Aufrechthaltung des Judentums ganz unzulässig erscheint. Andere Töchter ihres Stammes hätten, selbst wenn es sich um etwas Geringeres gehandelt hätte als um das Herz eines Königs, vielleicht, wenn nur eine Gunstbezeigung von irgend einem Vornehmen in Aussicht gestellt worden wäre, gar nicht mehr daran denken, gar nichts mehr davon wissen wollen, daß sie dem Judentume angehören. An Esther, die aber mit wahrer Innigkeit der Lehre Israels zugethan war, war aber in der That jetzt eine schwere Versuchung, eine harte Probe herangetreten. Die Anforderungen des Lebens und die Wahrheiten ihres Herzens standen jetzt vor ihr in schärfstem Widerspruche zu einander und es lag ihr ob sich für die einen oder für die anderen zu entscheide». Es gieng nicht gut an, die königliche Würde, die ihr übertragen, ja eigentlich aufgezwungen wurde, abzuweisen und ihren Glauben zu verleugnen, dessen Ehre ihr über die eigene Ehre gieng, wie hätte sie das vor sich zu rechtfertigen vermocht? Aber wer sagt denn auch, daß Israel, »venu es zu Ausehen erhoben wird, deshalb zur Selbstverachtung sich erniedrigen muß? Wer verlangte es, daß neben der Treue, die Esther dem Könige gelobte, die Treue zu ihrem Glauben keinen Platz haben dürfe? Ist denn das Judentum etwas so Ungeziemendes und Unehrenhaftes, daß man es von sich fernehalten muß, wenn man in der Nähe von Königen sich bewegt? Nein! Nach wie vor bewahrte Esther ihren väterlichen Glauben, mit gleicher Liebe und Festigkeit ehrte sie das Judentum, das ihr Trost und Kraft verliehen hatte, mit hingebungsvoller Standhaftigkeit. Die Krone des Königtums schniückte ihr Haupt, sie hatte den Forderungen, die das Leben an sie stellte, völlig zu entsprechen gewußt, aber der Schild des Glaubens schirmte auch ihr Herz und ihre geistige Freiheit, ihre innere Würde und Selbständigkeit, die waren ihr auch nicht einmal für ein Königtum feil geworden. Mit dem festen und eiltschiedenen Entschlüsse, dem Glauben der Väter, der Lehre des Judentums stets zugethan zu bleiben, war Esther in ihre königliche Ehreustellung eingetreten und wenn auch die Klugheit es ihr gebot, für den Augenblick nichts davon zu ertvähnen, nichts davon merken zu lassen, daß sie eine Tochter Israels sei, so schloß sie jetzt um so tiefer den väterlichen Glauben in ihr Herz und bewahrte ihn da wie ein kostbares Kleinod, wie einen herrlichen Ehrenschmuck.