Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- % - Israels in ihrem Herzen standhaft bewahrte, ob es ihr auch lange versagt war, den Namen Israels mit dem ihren zu verbinden. Ja, als Waisenkind und als Königsfran, als Pflegetochter in dem Hause Mordechais und als Herrscherin auf dem Throne von Susa war Esther dieselbe geblieben, in ihres Herzens edler Reinheit und Innigkeit mit dem Lichte ihrer jüdischen Glaubenstreue überstrahlend die bange Düsterkeit, die da, und den blendenden Glanz, der dort sie umgebe». Nein! Israel ist nicht verlassen, wenn es sich selbst nicht verläßt, ist nicht verachtet, wenn es sich selbst nicht verunehrt, wenn es den Mut seines Glaubens, die Ehre seines Namens, seine innere Würde bewahrt, die Treue gegen seinen Gott und gegen sich selbst, ob Not und Elend es bedrängen, oder Glanz und Ansehen es umgeben. Das ist die Lehre, die das Purim-Fest uns kündet, die wir in seinem Inhalte uns klar machen und in deren Bewahrung wir Esther, deren Thaten es uns erzählt, als ein würdiges Vorbild erkennen werden. Wenn der Mensch nicht blos sich allein, wenn er auch der Welt angehören, mit seinen Mitmenschen Umgang pflegen, in Verkehr stehen will, wird er sich wohl oder übel dazu verstehen müssen, manche Neigung, deren er sich gerne überlassen möchte, fallen zu lassen, manche Gewohnheit, die ihm anerzogen wurde, auszngeben, und die Anschauung, zu welcher sein Geist ihn hinleitet, irgendwie dem herrschenden Zeitgeiste anzubeqnemen. Es ist dies eine Forderung, die das Leben an uns stellt und der wir im gewissen Maße Nachkommen müssen, wenn wir uns auch dadurch manchen Genuß versagen, manche Entbehrung auferlegen müssen. Wir glauben Ansprüche an unsere Mitmenschen richten zu dürfen und dies begründet auch ihre Gegenansprüche an uns, ihr Recht, von uns Manches zu verlangen, was wir vielleicht aus freien Stücken nicht gewähren würden. So wenig Einspruch sich gegen dieses Recht erheben läßt, so vollständig wir auch dasselbe anerkennen müssen, ja so gerne wir uns dazu bereit halten, in Leben und Sitte, in Denkart und Anschauung manches von unseren Mitmenschen zu lernen und anzunehmen, so wird der geistigen Selbstständigkeit des Menschen ein Gebiet eingeränmt bleiben müssen, auf dem sie trotz aller' der willkürlichen oder unwillkürlichen Zugeständnisse an die allgemeine vorherrschende Lebens- und Denkweise zum Bestände und zur Geltung gelangt. Man glaube nicht, daß man dadurch in Widerstreit mit derselben gerät und daß es durchaus unmöglich sei, dem großen Menschheitsbunde anzugehören und dennoch seine eigene Meinung und Ueberzeugung in sich aufrecht zu erhalten, oder daß man diese durchaus verbergen und verleugnen müsse, um nicht die Ungunst und Mißgunst der Andersgesinnten auf sich zu laden. Nein! so weit gehen die an uns gerichteten Forderungen nicht und nur Feigheit und Geistesschwäche, Niedrigkeit der Gesinnung, wenn nicht gar völlige Gesinnungslosigkeit möchte es verraten, so wir berechtigte und klar bewußte Ueberzeugungen preisgeben würden, weil sie vielleicht hie und da Anstoß erregen oder von den Meinungen und Voraussetzungen Andersdenkender verschieden sind. Wir brauchen den Anforderungen, die das Leben an uns stellt, nicht aus dem Wege zu gehen, und können dennoch unser eigenes Selbstbewustsein aufrecht erhalten. Denken und Leben, Mensch und Welt sind nicht Gegensätze, da wo man gerne die Wahrheit erkennt und aufrichtig das Gute anstrebt. Nirgendswo finden wir dies so durch die Erfahrung begründet und bestätigt als in der Geschichte Israels. Fast in allen Ländern durch eine lange Reihe von Jahrhunderten dahinschreitend hat es stets an den jeweilig vor- 7*