Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 seines Zornes über seinem Haupte ergießen und die Raubgier der beutesüchtigen Menge, die schon voll Ungeduld dem Tage entgegensah, an dem sie über ben'' Gräbern der Hingemordeten in ihre Schätze sich theilen werde, das Alles hatte sich hier zusammengefunden, Israel, das ganze Volk bis auf die letzte Spur von der Erde zu vertilgen, ja als sollte selbst der Himmel sich gegen Israel verschwören müssen und das böse Werk der höheren Zustimmung nicht entbehren, wird durch das Loos, dessen Entscheidung als ein Wahrspruch der Götter angesehen wurde, der Tag bestimmt, an dem des Königs unwiderruflicher Befehl zu gänzlicher Ausführung gelangen sollte! War da, wo Uebermut, Haß, Bosheit, Habsucht, Rachgier, Mordlust in fessellosem Ungestüm von allen Seiten gegen Israel heranstürmten, wohl noch ein Ausweg zu finden, auf dem es der immer näher herankommeuden Gefahr entrinnen konnte? War der Untergang des Volkes nicht so sicher, so unvermeidlich, daß selbst die letzte Stütze des Vertrauens auf die erlösende Gottesmacht fallen, der letzte Strahl der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in den Herzen erlöschen mußte? Und stehe da! Auch aus dieser so finsteren Leidensnacht leuchtete ein Morgen der Erlösung hervor, auch über diese Wüste der Hoffnungslosigkeit breitete die stets bewährte Gnade des Ewigen einen saalenreichen Frühling des Heiles aus. Nicht daß da durch die Siegesthaten mutiger Kämpfer und machtvoller Helfer der Feinde grausamer Anschlag vereitelt, oder daß durch göttliche Strafgerichte, gegen die alle Menschenmacht sich als nichtig erweist, durch Wunder vom Himmel, die die Ordnung der auf der Erdenwelt herrschenden Gesetze durchbrechen, den Bedrängten Erlösung gebracht wurde, nein, es war mehr als ein Wunder, was hier geschah, weil eine Menschenthat, bei der die göttliche Einwirkung fast gar nicht zu erkennen war, das Erlösungswerk, an dessen Zustandekommen unter den gegebenen Verhältnissen nicht zu denken war, vollbrachte. Eine Frau, die ihren Angehörigen sich äußerlich entfremden, ein Waisenkind, das seine jüdische Abkunft verbergen und verleugnen mußte, um nicht wieder jener trostlosen Verlassenheit anheimzufallen, die es als das einzige Loos seiner Zukunft vor sich sah, war es, das Israel vom Untergange errettet und seinen Fortbestand von Neuem begründet hat. Mit Recht verlangte Esther, die selbst einst so unbekannt und unbeachtet, später dem Namen Israels neuen Glanz und Bestand verliehen hat, daß das Andenken an ihre Thaten'der Vergessenheit entrissen, daß es den Geschlechtern der Zukunft erzählt werde, was sie zu ihres Volkes Heile gewirkt hat. O laßt uns lieber schweigen von diesen Ereignissen, riefen die Weisen, an die sie diese Aufforderung gerichtet, ihr zu. Wir wollen lieber im Stillen ihrer eingedenk bleiben, lieber im Herzen den Dank dir stets bewahren. Wen» wir ihre Kunde aufzeichnen und in unseren Büchern davon erzählen, daß einst eine jüdische Frau, die zu der höchsten Ehrenstnfe im Volke erhoben wurde, ihre Stellung dazu gebraucht, angesehene Würdenträger zu stürzen und den Völkern die Vorrechte, die sie für sich beanspruchen, zu nehmen, wird das nicht Mißgunst gegen uns Hervorrufen und der Gehässigkeit mit der man Israel gegenübersteht, nur neue Nahrung geben? O glaubet nicht, erwiederte sie hierauf, daß es mir darum zu thun ist, mich durch Euch verewigen zu lassen, dafür sorgen die Denkschriften des persischen Reiches, in denen der Name einer Königin desselben stets verzeichnet bleiben wird. Allein das sollt ihr aber dem Israel der Zukunft verkünden, daß Esther, ungeachtet der Schmach und des Fluchs, die auf dem Namen „Jude" lasteten, den Mut hatte sich als Königin mit ihm zu schmücken, es dennoch nicht verschmähte, mit ihrem Geiste dem geknechteten Israel treu zu bleiben, den Glauben