Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1891)
- Date
- 1891-03-01
- Page
- Seite 66 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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66 — Geben wir uns noch schließlich der angenehmen Hoffnung hin, daß staatliche Beschränkungen niit dem Laufe der Zeit um so mehr entfallen werden, als wir auf hie aus unserer Mitte entnommenen Richter und Beamte stolz sein können. Aber auch der Antisemitismus wird gar bald und von dem Momente schwinde», wo Arbeiter und Kleinbürger zur Ueberzeugung gelangen werden, daß dem abscheulichen Antiseniitismus jede reelle Basis und jeder sittliche Ernst fehle, und wo überdies auch die Verirrten aus den höchsten Ständen klar einsehen werden, daß alle gesetzliche Bevorrechtnng für immer und unwiederbringlich aufgehört, daß jeder Kampf dagegen thöricht ist, und wie Lassale sich ausdrückt, der Atemzug der Geschichte, mit apodiktischer Notwendigkeit, ans steigende Beseitigung aller Privilegien hinweist. Uebrigens, >vie bereis erwähnt, zählen die bevorzugten Klassen viele erleuchtete Geister in ihrer Mitte, wie wir bei dem überwiegenden Teil des Hochadels, bei den Bischöfen in Ungarn und neulich bei dem Großherzoglich Hessischen Konsistorium gesehen. Zudem muß ich noch zlveier wichtiger Umstände Erwähnung thun. Erstens würde die Anstellung intelligenter Prediger, erleuchteter Männer der Wissenschaft uns zum Heile gereichen. Sie würden uns nicht blos »ach Außen vertreten, gegen böswillige Beschuldigungen verteidigen, sondern auch durch Lehre und Schrift aus der Versumpfung emporheben, und auf eine bessere Erziehung und ersprießlichere Geistesrichtung heilsam einwirken. Zweitens müssen wir die Assimilirung unserer Glaubensgenossen mit den Landeskindern aus allen Kräften anstreben, was auch von unseren christlichen Mitbürgern gewünscht wird. Ich bekenne offen, daß . ich von Herzen wünsche, daß man diesen redlichen Bestrebungen unserer Mitbürger freundlichst entgegenkonnne. — Ich hege die feste Ueberzeugung, daß die soziale Gleichstellung der Inden in Galizien nur durch vollständige Assimilirung in Sprache und Sitte erwirkt werden kann. Erziehung und Unterricht stehen leider, wie wir erwähnt, bei der überwiegenden Zahl der Juden in Galizien auf beklagenswert niedriger Stufe. Aber jeder, der mit den Zuständen Galiziens vertraut ist, wird einsehen, daß da keineswegs durch Subvention zu Schulzwecke», oder durch etwaige Errichtung neuer Schulen abgeholfen werden könnte. Ueberhaupt dürste es jedem, der mit den hiesigen Zuständen vertraut ist, wie sie namentlich durch die neueste Gesetzgebung geschaffen sind, einleuchten, daß abgesonderte jüdische Schulen für die Hebung der Kultur bei den galizischen Juden keineswegs förderlich, sondern noch eher abträglich wirken. Die Assimilirung unserer Glaubensgenossen in Sprache und Sitte würde sicherlich die Kultur, Erziehung und gesellschaftliche Stellung der Juden in hohem Grade heben. Der Advokat, der Arzt, der Techniker, selbst der Kaufmann, welche der polnischen Sprache nicht vollkommen mächtig sind, sie mögen noch so begabt sein, nehmen hier notwendig eine untergeordnete Stellung ei», denn die polnische Sprache ist in Amt und Schule, und selbst in der besseren Gesellschaft ausschließend herrschend. Der Advokat plädirt in polnischer Sprache, der Arzt giebt in solcher sein Gutachten ab und der jüdische Journalist würde bei der heimischen Bevölkerung in der Landessprache mit großem Erfolge irrtümliche Ansichten über unsere Glaubensgenossen beseitigen können.