Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1891)
- Date
- 1891-03-01
- Page
- Seite 64 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969782-2969785--3171-2973068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
64 seins, daß ferner das Bewußtsein dieses Widerspruchs besonders hemmend entgegenwirkt einer sittlich religiösen Erziehung der israelitischen Jugend, so wird man der Frage näher zu treten haben, wie diesem Übelstande abgeholfen werden kann. Der Weg nach rückwärts, d. h. zn einer von der Gesammtheit oder der Mehrheit der Israeliten anzuerkennenden verbindlichen Kraft des gesammten Ceremonialgesetzes ist, dies wird wohl jeder Unbefangene zugeben, abgeschnitteu." Wir schließen unser Referat mit den Worten des jüngst verstorbenen Metropoliten Nikanor in Odessa: „Die Zeit wird kommen, wo Juden und Christen, welche Brüder sind, einander zn beiderseitigem Vorteil die Hände reichen werden." Ursachen trauriger Wertzättnisse bei den Anden Galiziens, und mögliche Mittet zur Abhilfe. Vortrag gehalten im Bürgervereme zn Tarnopol von Dr. JosefWeisstein, Advokat. (Schluß). Die geänderten Verhältnisse und Anschauungen führten nun dazu, daß Industrie, Handel und Gewerbe einen großen Aufschwung genommen, daß große Kapitalsmassen aufgehäuft wurden und daß das Bürgertum sich zu Macht und Ansehen emporgeschwnngen und es war die weitere Folge hievon, daß im Verlaufe der Zeit, das Bürgertum sich in zwei Unterabteilungen geteilt, so daß es gegeinvürtig erstens aus dem Großbürgertum mit großem Kapitale und dann ans den Kleinbürgern und Arbeitern besteht. Diese nicht Kapital besitzende Klasse ist seit einer Reihe von Jahren bestrebt ihre notbeladene materielle Lage zn verbessern und anch einen größeren Teil an der Herrschaft über de» Staat zn erlangen, — allgemeines direktes Wahlrecht, Erhöhung der direkten und Verminderung der indirekten Steuer» — und der Kampf ist gegen das Großkapital gerichtet. Zur Ehre des Adels und der Geistlichkeit sei es gesagt, daß diese früher allein herrschend gewesene Stünde, hochintelligente und erleuchtete Geister in ihrer Mitte zählen und im Großen und Ganzen diesem Kampfe fern stehen und blos ei» geringer Teil derselben diesen gegen das Großkapital ansgebrochenen Kampf zu dem Ende benützt, um möglicher Weise einen Teil ihrer früheren bevorzugten Stellung wieder zu erlangen und eben diesem Gedanken entspringt das beabsichtigte Bündnis dieser geringen Minorität mit den Arbeitern, deren Kokettiren niit dem Sozialismus. Um aber das Großkapital leichter und wirksamer anzugreifcn, hat man absichtlich und fälschlich das Großkapital mit den Juden, welche auch sonst Angriffen leichter ausgesetzt sind i d e n tif i z i r t und so den Antisemitismus gar nicht aus Judenhaß, sondern nur zu obigem verwerflichen Zwecke erfunden. Die geringe Anzahl aus den höchsten Ständen hat thatsächlich kein Verständnis für das ideelle Streben der Arbeiter, hasst selbst auch nicht die Juden und strebt jene Verbindung an und hat das Schlagwort Antisemitismus erfunden, um den Hebel desto erfolgreicher an das Großkapital und Großbürgertum anzulegen. So leicht nun die Ursachen der traurigen Lage der Juden in Galizien aufgedeckt sind, so begegnet man viel größeren Schwierigkeiten, wenn man bestrebt ist, etwaige Mittel zur Abhilfe und Beseitigung dieser' Ursachen anfzufinden.