Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1891)
- Date
- 1891-03-01
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969782-2969785--3170-2973067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6g langen, wenn wir sie „absichtlich" eine Unwahrheit gelehrt, die sich auch für die ungebildeten Massen nicht rechtfertigen läßt, denn es soll nicht Christen erster und zweiter Klasse geben, freie und gefesselte. Der Verfasser legt mit Recht einen großen Wert darauf, daß man in der reinen Luft eigenen Denkens, eigenen Empfindens, eigenen Urteils den frischen Hauch geistiger Selbständigkeit athme, denn wer sich in einer erheuchelten Urteilslosigkeit bewegt, gehört zu den, sagen wir nicht gefährlicheren mit dem Verfasser, sondern zu den unglücklicheren Menschen. Egidy will das Christentum nicht zerstören, sondern aufbauen, er will es ans seine ursprünglichen Wahrheiten und Grundlagen zurückführen und daß dieser Weg zum prophetischen Judenthume führt, ist klar und Herr Heinrich Freiherr von Friesen auf Rötha hat in seiner ans Dogmenreiterei beruhenden Entgegnung „Ernste Gedanken" (In Kommission bei Alexander Köhler in Dresden), die beini Lesen schon ungenießbar wird, dennoch den Nagel auf den Kopf getroffen, tvenn er schreibt: Ein Christentum, ohne den Glauben an einen lebendigen persönlichen Christus aber ist kein Christentum. Es ist ein Monotheismus, wie ihn auch die Mohamedaner, die Juden und andere Völker besitzen. Von welchen praktischen, heilsamen Folgen in Bezug auf das soziale Leben sich Egidy's ernste Gedanken erweisen, kann man daraus ersehen, wie hoch und erhaben er den ethische» Mittelpunkt der Religion, über den so viel herumgestritteu und der so wenig verwirklicht wird, erfaßt. Wohlthun kann aber nur ein Mensch, ruft er ans, der den, dem er gibt, als seinen Nächsten betrachtet und ihn als seinen Nächsten liebt, ganz richtig liebt — da gibt es kein Deuteln, kein Abfeilen. Wer sich nicht auf diesen Standpunkt zu stellen verniag, wird nie das erreichen, was er Gutes erstrebt. Wir leben doch nur ans der Welt, meint er, zu unserer eigenen und unseres Nächsten Vervollkommnung. Wenn dann die Zugehörigen der jetzt verschiedenen Kirchen sich nur erst verständigt haben, die Behauptung, Christus sei ein Gott gewesen falle» zu lassen, dann fallen alle Zwischenräume und Vorhänge. Daß diese Gedanken nicht leer verhallen, das zeigt die Schrift „Zu den ernsten Gedanken des Herrn von Egidy"*), in welcher beklagt wird, daß das Nebensächliche in der Religion zur Hauptsache geworden und daß die Hauptsache unter Ritus und Kultus verschwinde. Der Glaube an Gott erfordere den ganzen Menschen und lasse im Herzen keinen Raum für einen andern Gott. Dem Satze „Glaube und du wirst seelig" muß man gegenüberstellen „Denke und du wirst glücklich". Auch Herr Pastor Gamper hat in einem in Dresden erstatteten Bericht über den in Gotha abgehaltenen deutschen Protestantentag über Egidy's „Ernste Gedanken" dargethan, daß dieselben ein neuer Beweis wären, wie schwer von gar vielen lauteren Seelen der kirchliche Glaubenszwang und die an vielen Orten herrschende Unwahrhaftigkeit in religiösen und kirchlichen Dingen empfunden wird- Das Büchlein sei ein Notschrei aus deu Kreisen derer, die aufrichtig religiös gesinnt eine endliche Erlösung ans offenkundiger Gewissensbeschwerung ersehne». Aus diesem unerwartet gestreuten Samen wird eine ververheißungsvolle Saat erwachsen. Auch in jüdischen Kreisen fand die Schrift Beachtung. Herr Gymnasiallehrer I)r. I. Horowitz schreibt: „Wird nun zugegeben werden müssen, daß der scharfe Gegensatz, der sich in weiteren Kreisen der Israeliten zwischen dem Leben und einem Teile des überlieferten Ceremonialgesetzes herausgebildet hat, einen schädlichen Einfluß übt auf die Entwickelung und Klärung des religiösen Bewußt- *) Ein Beitrag im Kampfe um geistige Freiheit nnd ein Wort zur Abwehr unberechtigter Angriffe von H. Kuhn, Tresden-Loebau (Dresden, Albanns'sche Buchhandlung 1890).