Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1891)
- Date
- 1891-03-01
- Page
- Seite 62 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 62 — liches, was mit dem Denken und Fühlen der Menschen in Widerspruch steht, verlangt. Wir verstehen ja die Wahrheit des Gesagten mehr wie einer, da auch das Judentum in ähnlicher Weise sich selbst vernichtet, wenn es veraltete Nationalsatzupgen und überlebte Bräuche, die im Lichte der Geschichte und Vernunft wertlos geworden sind, nicht nur forterhält, sondern vielmehr in thiirichter Selbstverblendung und Selbsttäuschung, die ans die Charakterbildung jedes Einzelnen verschlechternd einwirkt, dieselben höher stellt, als die unsterblichen, weltumfassenden Gedanken desselben, die ihm Unsterblichkeit verbürgen. Das blinde Dogma in der Kirche und die veraltete Zeremonie in der Synagoge — decken sich vollkommen. Der materialistischen Auffassung und Richtung des Lebens entspricht auch der Materialismus der Religion. Weil man keine Religion in sich hat, weil mail in der Tiefe der Seele nichts empfindet und nichts sucht, drum gefällt man sich in den antiken Formen, in dem fremdartigen, mittelalterlichen, orientalischen Gewand, in dem die Religion erscheint. Die Reform will hingegen ans allen Gebieten des Lebens zwischen der dem Untergang verfallenen Zeit und der neu ausgehenden Kultur des Gemüts, zwischen dem toten Materialismus und dem lebendigen und heiligen Ideal vermitteln. Sie will das Bessere und Vollkommenere ohne Bruch mit der Vergangenheit herbeiführen. Herr v. Egidy schreibt: „Ich behaupte, daß die Kirche etwas Unmögliches verlangt, wenn sie uns auffordert, zu glauben, Jesus Christus sei ein Gott gewesen." An Gott kann ich glauben, schreibt er, denn er offenbart sich mir täglich, stündlich, ich empfinde ihn in faßlicher Form in meinem Inneren, aber die Dreieinigkeit ist eine Begriffsverwirrung, wodurch der Weg zur Seligkeit nicht erleichtert ivird. Es ist höchst interessant, tvie wir bereits hervorgehoben, daß wir es hier nicht mit jener Sorte seichter Rationalisten und Nihilisten zu thun haben, die Alles, was vor dein Nichtstuhle ihres gemeinen Verstandes nicht bestehen kann, verwerfen, nein. Herr v. E. ist nicht nur streng gottesgläubig wie ein Jude, foiiörat er glaubt auch an die Fortdauer der Seele, ein Glaube, der sogar heutzutage bei den Juden sehr in's Wanken geratheu, weil die Religion veräußerlicht mit dem krassesten Materialismus Hand in Hand geht. Egidy schreibt: Ich habe eine ganz klare Vorstellung davon, daß in dem Augenblicke, da mein Körper aufgehört hat zu leben, mein Geist der irdischen Hülle entsteigt, ja er macht sogar die Dauer des Seelen-Fortlebens abhängig von der Schwungkraft, mit der sie der irdischen Hülle entsteigt, welche während des irdischen Daseins auszubilden die Aufgabe des Lebens ist und welche mit* nur durch Religion, durch unseren Verkehr mit Gott erlangen. Er hält den Glauben an die Gottheit Christi für spätere Lehren der Kirche und nicht für Erfordernisse der Religion und des Christentums. Es müssen darum diese gekünstelten, geschraubten, unklaren Gedanken fort aus der Kirche, weil sie zu dem ursprünglichen Gedanken des Christentums von späteren Menschen hinzugedichtet wurden und darum auch von jetzigen Menschen wieder beseitigt tverden können. Klingt es nicht ganz echt im Geist des Judentums, wenn der Verfasser (S. 15) schreibt: In religiösen Dingen ist jeder Glaube, der auch nur einen Schatten von Zweifel hat, kein Glaube mehr; in religiösen Dingen ist das Wort „Glaube" gleichbedeutend mit „Überzeugung". Und weil es die erste und oberste Pflicht des Menschen ist, einfach, bieder und wahr zu sein, darum bekämpft er diese gewissen Unmöglichkeiten in der Religion, weil sie Unwahrheiten sind. Die Wahrheit, daß Christus ein Mensch war, ruft er aus, muß iin Christentume wieder zur Geltung kommen, eine Wahrheit, nach der schon heute Millionen verlangen und die Kinder werden von dem jetzigen Geschlechte Rechenschaft verx