Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1891)
- Date
- 1891-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 „Als Gott der Herr sich am Sinai offenbarte und das Weltall durch die Stimme Gottes erschüttert war, so erzählen unsere Weisen (Mechilta zu Jetro), da gerieten die Fürsten der Erde in Angst. Furcht, Bangen und Grauen bemächtigte sich ihrer und zitternd eilten sie zu Bileam, dem heidnischen Propheten und riefen aus: Wird denn wieder eine neue Sündstut hereinbrechen und uns alle vernichten? Was fällt euch denn ein, entgegnete der Prophet der Heiden, Gott der Herr hat ja schon längst geschworen, daß nie wieder Fluten die Welt zu Grunde richten sollen, vielleicht aber werden Feuersgluten die Welt verzehren. „O, fürchtet nicht, rief Bileam ihnen tröstend zu, Gott der Herr verleiht blos seinem Volke die Thora, eine Lehre, die „Sieg" genannt wird, die unter allen Umständen, zu allen Zeiten siegen wird, siegen muß, und zwar durch ihre ewigen Wahrheiten, die sie enthält, wie durch die unvergleichlich schönen Vorschriften der Humanität, der Nächstenliebe und Menschen-Verbrüdernng." Und weil die Thora die eigentliche Lebenskraft des Judentums bildet, deshalb ist auch jene Institution, die der Förderung und Verbreitung der Kenntniß der Thora gewidmet ist, so alt als das Judentum. Unter allen religiösen Anstalten und humanitären Institutionen, die die edlen Zivecke verfolgen, das geistige und leibliche Heil und Wohl der Menschen nach jeder Richtung hin zu fördern, gebührt nach der Anschauung unserer Weisen der Stätte der Thora der erste Preis. Kanzel und Katheder überragen alle anderen Anstalten, weil durch die Kenntniß der Religion einerseits das Herz der Jugend wie das der Erwachsenen veredelt, das Gemüt angeregt und für das Große und Erhabene begeistert und empfänglich gemacht wird und andererseits die Bekenner des Judentums in den Besitz geistiger Waffen und Mittel gelangen, den Antisemitismus, dieses grauenhafte, entsetzenerregende, giftverbreitende, die niedrigsten Leidenschaften wachrufende Ungetüm. zu bekämpfen, die hämischen Behauptungen, boshaften Vorivürfe und lügenhaften Verleumdungen der sich ostentativ nennenden Antisemiten gründlich zu widerlegen. Es ist daher die erste und heiligste Pflicht einer jeden Gemeinde Israels, dafür zu sorgen, daß in ihrer Mitte eine Stätte sich befinde, tu der die Jugend, wie die Erwachsenen mit den Grundlehren des Judentunis, mit der Ethik der Religion vertraut gemacht werden. Ein jeder Jude, gleichviel ob reich oder arm, muß gleichsam das Bedürfniß fühlen, einer solchen Gemeinde als opferwilliges Mitglied anzugehören, die in erster Linie dafür sorgt, daß die Kenntniß der Thora durch einen würdigen Lehrer, durch einen Mann, der das Judentum nach Außen würdevoll zu repräsentiren und im Innern der Gemeinde eine segensreiche Thätigkeit zu entwickeln imstande ist, gefördert und verbreitet wird, die dafür sorgt, daß das heilige Amt eines Seelsorgers von einem ehrenwerthen, edlen Lehrer geleitet wird, der im Sinne und im Geiste des unsterblichen Lehrers Moses seines Amtes waltet. Ich sage, im Geiste des unsterblichen Lehrers Moses, denn Moses war es ja, der, bevor er den Schauplatz seiner langjährigen überaus segensreichen Thätigkeit verlassen sollte, in einem inbrünstigen Gebete die Pflichten eines Religionslehrers wie die Tugenden und Eigenschaften, die ihn schmücken sollten, bildlich gezeichnet und charakterisirt hatte. „Gott, der Herraller Geister, alles Fleisches, möge einen Mann an die Spitze der Gemeinde setzen", einen Mann, der sich durch Charakterfestigkeit, Seelengröße, Biedersinn, gründliche Gelehrsamkeit und gediegene Fachkenntniß, durch Scharfsinn und Lebensklugheit auszeichnet, damit er vor allem die Gemeinde nach Außen würdevoll repräsentire und ihren Ruhm und Glanz, ihre Ehre und Würde erhöhe; denn