Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1891)
- Date
- 1891-03-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 denen es sowohl im Altertume als im Mittelalter preisgegeben war, heute noch aufrecht unter den Völkern dasteht, ungebeugt und ungebrochen, während so viele Völkerschaften, die sich vor Jahrtausenden der schönsten Blüte erfreuten, längst spuölos aus der Geschichte geschwunden, den Gegenstand öffentlicher Besprechungen und Erörterungen. Allein jeder Kenner der heiligen Schrift weiß es, daß diese Frage bereits vor Jahrtausenden ihre Lösung in der Bibel gefunden. „Auch dann", so lautet das göttliche Wort, „wenn Israel im Lande seiner Feinde wohnen wird, werde ich es nicht verschmähen, nicht der völligen Vernichtung preisgeben lassen-rc., denn ich bleibe der Ewige, sein Gott." (3. B. M. 26, 44). Ist diese göttliche Verheißung nicht in Erfüllung gegangen? Steht nicht heute noch das schöne, prachtvolle Religionsgebäude, das der unsterbliche Lehrer Moses mit der göttlichen Hilfe aufgeführt, felsenfest, unerschütterlich da? Welches aber sind die Säulen, die Trag- und Stützpfeiler, auf welchen dieses herrliche, monumentale Gebäude, das den Stürmen aller Zeiten zu trotzen vermochte, beruht? Diese Frage zu erörtern soll die Aufgabe meines Vortrages sein, anknüpfend an das Wort unserer Weisen: „Auf drei Dingen ruht die Welt: auf der Gotteslehre, dem Gottesdienste und auf den Werken der Wohlthätigkeit. (Abot 1, 2.) I. Die Gotteslehre. Das Wort „Thora" heißt Lehre, Wisfenschaft, Bildung, Aufklärung. Das Judentum ist eine Religion der Wissenschaft, der Bildung und der Aufklärung, eine Religion, die jede Unbildung, jeden Fanatismus und blinden Glauben, der nur zum Unglauben, zur Skepsis führt, entschieden verpönt. Als der König David die Regierung seinem Sohne Salomo übergab, rief er ihm zu: Und du, mein Sohn Salomo, erkenne vorerst den.Gott deines Vaters, dann diene ihm mit ganzem Herzen und mit freudigem Gemüte. Auch das Judentum ruft jedem seiner Bekenner zu, vorerst erkenne die Größe Gottes, denke nach und forsche nach, dringe ein in den Geist der Thora und du wirst die Überzeugung gewinnen, daß die Welt nicht von selbst entstanden, daß sie nicht dem launenhaften Spiele eines regellosen Schicksals preisgegeben, daß kein Zufall, keine Revolution der Naturkräfte die Ursache dieses prachtvollen, imposanten Weltgebäudes sei, sondern daß es einen einig einzigen Gott gibt, der dieses Weltall nicht nur ins Dasein gerufen, sondern es auch in und mit Liebe erhält, einen einig einzigen Gott, dessen Allmacht und Allgüte in allem und jedein in der Natur — im Dsop, wie in der Ceder, in dem Sandkörnchen wie in dem Gipfel des höchsten Berges, im Wassertropfen, wie im großen Ocea», im Wurme, der im Staube kriecht, wie in dem hervorragendsten Geschöpfe in der Natur sich kund gibt, und du wirst ausrufen: „Ewiger, unser Gott, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde." Erkenne den Gott deines Vaters, denke nach, dringe ein in den Geist seiner erhabenen Thora und ihrer herrlichen Lehren, Vorschriften, Satzungen, Prinzipien, Grundsätze und Anschauungen und du wirst die Überzeugung gewinnen, daß die Thora allein es ist, der das Judentum seine unzerstörbare» unverwüstliche Lebenskraft, seine geistige, moralische physische Lebenskraft'zu verdanken habe, weshalb es zu allen Zeiten felsenfest, unerschütterlich dastand, ohne sich durch Drohungen und Verfolgungen abschrecken, durch Verlockungen und Verleitungen mannigfacher Art verführen zu lassen, den Glauben der Väter abzuschwören; ja du wirst die Überzeugung gewinnen, daß die Thora mit Recht Macht, Kraft, Sieg genannt wird.