Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1891)
- Date
- 1891-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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das Zarte waren bei ihm schön gemischt! Ja, er war ein ganzer Mann, ein ganzer Mensch, ein ganzer Jude! Schwere Täuschungen und Kämpfe hat er erlebh; er selbst war ein begeisterter Vertreter des Neformgedankens im Judentum, Und auch die Fluten des Rückschritts, die in den letzten Dezennien hereingebrochen, haben Mut, Hoffnung und Schaffensfreudigkeit des Mannes, der sich nun in die Stille seiner Studien zurückzog, nicht erschüttern können. Er glühte mit seltener Begeisterung für alle Ideale der Zukunft; mit traurigem Blick sah er nur in die Gegenwart des jüdischen Stammes, aber sein Auge leuchtete auf, wenn er an die Zukunft dachte; und diese Zukunft sah er in der W i s s e n s ch a f t des Judentums. Sie wird nicht untergehen, sie wird leben, ein ewiges Zeugnis für die Kraft und den Geist des Judentums! Das war sein Bekenntnis, das war sein Glaube. Etwas von der Frömmigkeit der alten Rabbinen und wiederum etwas von dem freien Geist eines Leopold Zunz lebte in diesem Manne und hielt ihn aufrecht in allen Stürmen der Zeit. Und nun ist er dahingegangen, und wir klagen an seinem Sarge mit den Worten des Talmuds: „Ach, die Flamme hat die Ceder ergriffen, wie wird sich der Dsop retten können? Ach, der mächtige Strom ist vertrocknet, weh Euch, Ihr seichten Wässerlein!" Aber nicht bange Klage, nicht verzagender Unmut geziemt uns an der Bahre eines edlen Mannes. Die Stimmung, an nichts zu glauben, zu verzweifeln an der Macht der Idee, an der Zukunft des Judentums, ist ja leider nur zu weit in unserem Geschlecht verbreitet. Diesem kalten, egoistischen, kleinmütigen Zuge unserer Zeit stellen wir die schaffensfrohe, für das Ideal begeisterte Mannesgestalt Brülls gegenüber. Seine Begeisterung für die jüdische Wissenschaft, sein Glaube an den Fortschritt und an die Entwickelung des Judentums entflammte uns zum Kainpf gegen alles Unwahre, zum Kampf gegen Lüge und Kleinmut, zur unermüdlichen Arbeit für die Ehre und Größe des Judentums und für die Würde seiner Wissenschaft. So wird sein Andenken gesegnet unter uns fortleben. Dir aber, Du frühentschlafener teurer Freund, möge die Erde leicht sein! Deckt sie doch diesmal in Wahrheit einen der besten Menschen, die sie in diesen Zeiten getragen! Gustav Karpeles. Ium Tröste und zur Erinnerung. Wenn der Gerechte stirbt, so ist es die Erde, die verliert. Der verlorene Edelstein, wohin er auch geraten, bleibt immer Edelstein, nur der Eigentümer, der ihn verliert, hat zu weinen. _ Gott ruft die reinen Seelen zu sich und freut sich ihrer. Er frohlockt, wenn die Seele des Gerechten vor ihm erscheint. Beweint den, der verliert, nicht den, der geht. Er geht zur Ruhe, wir bleiben im Schmerze. _ Viele haben an diesem Kelche getrunken, und viele werden noch trinken. Der Herr der Tröstungen wolle uns trösten. Gelobt sei sein Name! Er sammelte in wenigen Jahren so viele Verdienste, als Andere nicht im ganzen Leben. Gott rief ihn zu sich, um ihm den verdienten Lohn zu geben. Die Gerechten brauchen keine Denkmäler, ihre Thaten sind ihre Denkmäler.