Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 bei auf das diese Ideen verleugnende Treiben der Antisemiten zn sprechen, denen wir vor Allem, im Sinne und im Geiste der Christenlehre, es ganz und gar absprechen müssen, das; sie überhaupt noch Christen sind! Diese ungeberdigen Horden haben jeden Glauben von sich geworfen und sind — weil jedes edlere und bessere Gefühl in ihnen erstorben ist — zu Bestien in Menschengestalt herabgesnnken! Was haben die Antisemiten nicht schon für Schandthaten in fast allen Ländern vollfnhrt! man käme wahrlich in Verlegenheit, wollte man angeben, >vo diese alle Liebesgebote Verletzenden ihr böses Spiel getrieben! Wohl haben die Edlen aller Nationen ganz unverhohlen das erbärmliche Vorgehen der Antisemiten verdammt, wohl haben die wahren Priester der Religion der Liebe gegen das nnchristliche Thun der wahnbethörten und in sträflicher Weise irre geführten Christen geeifert, wohl haben Regenten und Negierungen, wie die jüngsten Tage zeigen, es nicht unterlassen, gegen die Uebcrgriffe der revoltirenden, die Ruhe des Staates und des Bürgertums gefährdenden Antisemiten — kräftigst einzuschreiten — Alles vergebens! — Sie sind ganz unbelehrbar. In dem einen Reiche zum Schweigen gebracht, treten sie in einem andern nur um so frecher auf, in der einen Stadt scheinbar gänzlich verschwunden, sammeln sie sich in einer andern nur um so zahlreicher, kurz — der neueste Fluch der Menschheit, der Antisemitismus, ist scheinbar nicht mehr abzuwenden. Und doch gäbe es ein wirkendes Mittel, diesen Krebsschaden der Jetztzeit gründlich ans der Welt zu schaffen und dies konnte nur durch die Geistlichkeit der christliche» Konfessionen geschehen. Sie mußte im Ernste und mit dem Aufgebote ihrer ganzen Macht und Kraft von der Kanzel herab und hauptsächlich in der Schule gegen die antisemitischen Anschauungen in den Kampf ziehen und dieselben als unchristlich erklären. Einzelne thnn dies schon lange, leider sind's aber nur Einzelne, und es hat daher wenig oder gar keinen Wert. Es müßte dies durch die Gesammtheit geschehen, dann würde es zum Ziele führen, dann wäre es eine gewaltige, segenbringende That, die in erster Reihe dem Christentum selber zn Gute käme. Der Stifter des Christentums, seine Jünger und ersten Anhänger waren begeisterte Juden, deren ganzes Bestreben nur dahin gerichtet war, die Heiden zu bekehren und diese für die ewigen Wahrheiten der durch Mose dem jüdischen Volke mitgeteilten Gottcslehre empfänglich zu machen. Viele Jahrhunderte hindurch, gab es auch ans dieser Veranlassung ein geteiltes Christentum, es bestand aus zwei Lagern und es bildeten sich zwei Parteien: die Jndenchristen und die Heidenchristen, bis dann nach schweren Kämpfen und heißem Ringen ein einheitliches Christentum enstand. Aber selbst das, vom ursprünglichen Wesen stark abgekommene, gänzlich uni- und nengestaltete Christentum, hat sich der jüdischen Lehre gegenüber nicht feindlich erwiesen, es hat diesebe als die feste, unerschütterliche Grundlage der neuen Lehre stets hoch in Ehren gehalten, hat die Bekenner dieser Lehre neidlos als die Hüter und die Pfleger des Gotteswortes anerkannt und wenn auch nicht geradezil geliebt, so doch nie offen und öffentlich gehaßt, sie vielmehr gar oft gegen lügnerische Angriffe in Schutz genommen. Was die nicht genug zu verdammenden Verfolgungen des Mittelalters betrifft, so war die noch verrohte Menschheit, die ungebildete, anfgehetzte Masse schuld daran. Ganz anders verhält es sich in unfern Tagen. Das seiner Neige entgegengehende Jahrhundert rühmt sich, das Jahrhundert der Humanität und der Aufklärung zn sein. Das ist es auch in des Wortes eminentester Bedeutung. Wunder auf Wunder vollziehen sich heutzutage vor den staunenden Blicken der Menschen. Auf dem himmlischen Gefilde der Kunst und der Wissenschaft, auf dem geheiligten Boden der Menschenliebe, haben sich Dinge vollzogen