Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2969669-2969782-2969783--3109-2973004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 schon die biblischen und talmudischen Festvorschriften „und du sollst dich freuen an deinem Feste". Aber der Heldenmut der Inden war auf Abwehr, ihr Genuß auf Maß gegründet. Jndeß dem deutschen Charakter sind jene seelischen und geistigen Vorzüge weit tiefer eingeprägt und sie lassen für das kommende Jahrhundert auch eine noch innigere Verschmelzung von Juden und Christen erhoffen. So sicher wir, die Kinder unsrer Ahnen, die Geschöpfe der Vergangenheit sind, also mit geschichtlichen Thatsachen und Überlieferungen zu rechnen haben, ebenso sicher sind wir, die Ahnen unsrer Kinder, verpflichtet, für deren Förderung, für Neu- und Bessergestaltung des Daseins zn sorgen. Auf geschichtlichem Boden, aber ohne geschichtlich Abgestandenes, Verwelktes und Verfaultes, gilt es fortzuwirken. Das ist die Aufgabe für das politische wie für das religiöse Leben. Die Religion gleicht der Blume. Die Einen pflegen sie im Garten, in« Glase, am Busen; die Anderen kleben sie verdorrt und vertrocknet ins Herbarium. Letzteren ähneln, die sich frommglänbig nennen oder wähnen. Aus dem Westen. In der Kunst, fesselnd und zugleich überzeugend und für einen beabsichtigten Zweck tief anregend zu schreiben, sind uns Deutschen, die es mit ihrer Schreibweise und der anziehenden Einkleidung schriftlich geäußerter Ideen bekanntlich nicht immer so genall nehinen, bei Weitem unsere englischen und anierikanischen Schriftsteller voraus. Man kann bei ihnen lerne», wie unter der Macht einer geselligen, gelegentlich humoristischen ilnd launigen Schreibweise der Leser bei seiner gemüthlichen, herzlichen Seite erfaßt wird nnd wie sogar ernste, religiöse und philosophische Gegenstände den Charakter einer geselligen Plauderei annehmen und so populär und leicht verständlich lverden, wodurch sie ein gar wesentliches Hindernis ihrer Verallgelneinerung und weiteren Verbreitung ihres Einzuges in den Geist des Volkes verlieren. Wenn sich das im allgemeinen über die deutsche Litteratur und Jonrnalistik sagen läßt, so tritt besonders für die jüdische Erbauungslitteratur die Wahrheit d esGesagten sehr zn Tage. Die jüdischen Schriftsteller sind, wenn wir einzelne ihrer Koriphäen ansnehine», in einem schwerfälligeil doktrinären Stile verfangen nnd wissen wenig, sich dem Geiste des Durchschnittslesers zu assimiliren. Ob das nicht mit dem Wesen des Judentums, wie solches bis auf die Neuzeit sich entwickelte, zusammenhängt? Hat sich nicht das Judentum eben bei dem Beginne seiner weltgeschichtlichen Mission, seines weltunifaßenden Berufes von der klaren populären Jdeendarstellung seiner Propheten entfernt, und sich in die dunkle doeierende, und philosophisch entwickelnde Talinudforin eingehnllt, indem es die volkstümliche Gestaltung, nnd Verarbeitung der religiösen Idee für Geist und Herz als minderwertig in den Hintergrund stellte und der Tochterreligion, dem Christentum, überließ.