Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969782-2969794--3392-2972986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
276 iioffen desselben erwarten oder fordern müßte, daß sie handelten. Ich muß ferner wünschen, daß die Juden ihre Liebe zu dem eigenen Volke und ihre Pietät gegen das Erbe ihrer Väter auch ferner bewahren. Und ich muß endlich wünschen daß die Wiederbelebung des religiösen Interesses, welches während unseres Jahrhunderts in so erfreulicher Weise in ihren Kreisen zugenommen hat, fortdauere nnd immer mehr wachse. Indem ich diese Wünsche hege, meine ich so zu denken und so zu handeln, wie ich als Nachfolger Jesu und als Mitglied einer freien religiösen Gemeinde zu denken und zu handeln verpflichtet bin. Das kehle schriftstellerische Unternehmen des sel. Prof. Dr. H. G r a e tz nach seiner eigenen Darlegung. Immer mehr und immer tiefer dringt die Erkenntnis von der hohe» Bedeutung der heiligen Schrift alten Testaments auch in außerkirchliche Kreise, daß sie die Grundlage für die religiöse und sittliche Kultur gebildet hat und noch bildet, daß die hebräischen Propheten die ersten Evangelisten zur Anleitung zu einem heiligen, von Gerechtigkeit und Menschenliebe erfüllten Leben waren. Diese Erkenntnis hat gegenwärtig ihre beredtsten Herolde in dem Lande, von welchen! aus Voltaire die Bibel zum Gespötte gemacht nnd ihr dadurch die gebildeten Kreise entfremdet hat. Wie sehr auch einige Geschichtsschreiber des Volkes Israel in der neuesten Zeit den Ursprung, de» ersten Geschichtsgang, die religiösen Anschauungen und die ehemalige Kulturfori» dieses Volkes herabsetzen, so können sie doch nicht umhin, anzuerkennen, daß das biblisch-prophetische, poetische, historische und didaktische Schrifttum, das doch aus dem innersten Wesen desselben hervorgegangen ist, inhaltlich nnd formell ein tiefeingreifender Faktor für die Erziehung des Menschengeschlechts war nnd noch ist.' Andererseits läßt sich auch nicht leugnen, daß bei aller majestätischen Erhabenheit der Bibel sie doch auch nicht nur unangemessene, dem einfachen. Verständnis unzugängliche, sondern auch scheinbar widersinnige Partieen enthält. Ja, nicht selten sind an Verse, welche de» Geist wecken und das Gemüt erheben, sowie logisch und ästhetisch den Gedankengang abrunden und solchergestalt einen tiefen Eindruck machen, andere Verse oder Verstelle in engster Verbindung angereiht, welche der Logik nnd der Aesthetik spotten, als wenn der Prophet oder Psalmist oder der Antor eines biblischen Buches in seinem oder im Namen Gottes neben Sinnvollem auch Aberwitziges gesprochen oder geschrieben hätte. Legionen von Kvinnieiitarien sind daher verfaßt worden, um solche unangemessene Partien zu erklären und zu rechtfertigen. Solche Erklärungen, gekünstelt wie sie sind, welche sich nicht selten in mystische Deuteleien verlieren, können selbstverständlich den einfachen Sinn nicht befriedigen, lassen vielmehr den grellen Gedankengang oder die Gedankenlosigkeit des Textes nur noch mehr heraustreten Diese Wahrnehmung hat Bibelforscher allmälig darauf geführt, daß die Unangemessenheit und Unbegreiflichkeit der Diktion nicht dem biblischen Autor, sondern dem überlieferten Texte zugeschrieben werden müsse, der, seit tausenden von Jahren kopiert und wieder kopiert, unter der Hand nachlässiger Abschreiber verunstaltet worden ist. Diese Annahme ist gegenwärtig unter den Fachmännern feste Überzeugung geworden, zumal die erhaltenen alten Versionen des hebräischen Originals — mehrere griechische, eine syrische, chaldäische