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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-12-01 · Heft 12 (1.12.1891) · p. Seite 275

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 12 (1.12.1891)
Date
1891-12-01
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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275 An diesen zweiten Vorwurf, daß das Judentum keine Universalreligion sei, wie das Christeutum, schließt sich in jenem Blatt die Mahnung an die Inden, daß sie den Glauben, sie seien das auserwählte Volk, ablegen und, wie es dort heißt, gute Deutsche werden mochten. — Sie sollen aber, indem sie diesen Glauben ablegen, gute Deutsche werden. Sehen wir uns zunächst den Inhalt dieser Forderung an. Es ist gewiß, daß wenn wir Menschen finden, welche das Volk, zu dem sie gehöre», mit lebhafter Liebe und Zuneigung umfassen und das Bild desselben, wie es sich in der Geschichte vergangener nnd gegenwärtiger Zeiten und in den Aufgaben seiner Zukunft darstellt, in sich tragen und pflegen, dies ein schöner Schmuck eines solchen Völkerlebens, ein hohes Glück für die Gesammtheit ist. Aber es ist eben ein Glück, es ist eine Gabe der Natur und des Schicksals, nnd fordern läßt sich doch nicht, was die Natur dem Einen gewährt und dem Andern in größerem oder geringerem Grade versagt hat. Fordern läßt sich doch nur, was als allgemeines Gesetz ausgestellt und von Jedem ans gleiche Weise erfüllt werden kann. — Wir haben znm Schluß noch die Frage zu beantworten, aus welchem Grunde man dieses Verlangen an die Inden stellt. Es heißt in der Protestantischen Kirchenzeitnng wörtlich: „Das Christentum ist mit dem deutschen Volke unzertrennlich verwachsen und verbunden." Ich verweile einen Augenblick, um darauf hinznweisen, was in jenem Blatte unter dem Christentum verstanden wird. Diese Partei wird von der gewöhnlichen Vorstellung geleitet, daß der Protestantismus eine höhere Stufe in der Kultur-Entwicklung sei als der Katholicismus, und daß der Kosmopolitismns des vorigen Jahrhunderts wiederum eine höhere Entwicklungsstufe darstelle, daß man aber in der Gegenwart das hnmanisirte Christentum als eine noch höhere Stufe derselben bezeichnen müsse. Von diesem hnmanisirte» Christentum ist die Rede, wenn es heißt, daß das Christentum mit dem deiltschen Volke nnzertrennlich verbunden sei, daß der deutsche Staat immer mehr im guten Sinne ein christlicher Staat werden müsse. — Dann heißt es dort weiter: „Das deutsche Volk hat geradezu die spezifisch weltgeschichtliche Mission, der Träger dieses Christentums zu sein." So viel ich mich auch bemüht habe, den Sinn dieser Worte nicht zn verfehlen, so bin ich doch nicht darüber hinaus gekommen, daß sie in der That nichts Anderes bedeuten, als: das deutsche Volk ist das auserwählte Volk. Wenn wir also bedenken, daß die Inden aus diesen, Grunde ausgefordert werden, gute Deutsche zn werden so heißt dies nichts Anderes, als von ihnen fordern, daß sie die Vorstellung, sie seien das auserwählte Volk, aufgeben und sich zn der Vorstellung bekehren sollen, daß die Dentschen das anserwühlte Volk seien. Nun, das ist ein Beweis dafür, wenn Jesus von dem Menschen spricht, der den Splitter in dem Auge seines Nächsten sieht und sich darüber entrüstet nnd den Balken in dem eigenen Auge nicht sieht, dies nicht blos auf das Verhältnis des Einzelnen znm Einzelnen, sondern aiich auf das Verhalten der Völker zu einander seine volle Anwendung findet.-Wer mit demjenigen, was ich über d,e Forderung, daß die Bekenner des Judentums gute Deutsche werden sollen, gesagt habe, übereinstinimen kann, wird auch darin mit mir übereinstimmeu, daß, wenn wir beten: „führe uns nicht in Versuchung!" wir auch an die Versuchung denken sollen, die für uns darin liegt, daß wir uns für das auserwählte Volk halten möchten. Dem Allen gegenüber muß ich wünschen, daß alle Inden je länger je mehr so handeln, wie man, wenn es ein auserwähltes Volk gäbe, von den Ge-

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