Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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274 diese Worte? Unter den Christen hat sich die Meinung Geltung zu verschaffen gewußt, daß eben dies der Inhalt der neuen Lehre Jesu gewesen sei, daß dies wenigstens Worte Jesu gewesen seien, die er ans seinem eigenen Innern genommen habe. Das ist ein geschichtlicher Irrtum, nichts weiter, denn dieses Gebot ist in dem dritten und fünften Buche Moses enthalten, also in denjenigen Schriften, welche die Grundlage der Religion des Judentums bilden. Da heißt es: Höre Israel, unser Gott ist ein einiger Gott! und: du sollst ihn lieben mit ganzer Seele und mit ganzem Gemüt; und dann: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wenn in denjenigen Schriften, welche die Grundlage einer Religion bilde», aitf diese Weise gerade ans die Bewegnngsgründe hingewiesen ist, nach denen man handeln soll,Gott und dem Nächsten gegenüber, darf man dann sagen, daß sie eine Gesetzesreligion sei? Das ist ein ungerechter Vorwurf, denn auch jener Schriftgelehrte damals und die Schriftgelehrten späterer Zeiten bezeichnen dies als den Inhalt des gesammten Gesetzes.' — Der zweite Vorwurf, welcher gegen die Religion des Judentums in jenen: Hauptorgan des Protestanten-Vereins erhoben wird, lautet wörtlich so: „Das Christentum ist die Weltreligion, welche alle Völker einschließt; das Judentum ist die Volksreligion, welche alle andere» Völker aiisschließl." Man bezeichnet das Tadelnswerte, auf daß man dabei hinweist, auch wohl dadurch, daß mau die jüdische Religion partiknlaristisch oder exklusiv nennt, oder dadurch, das man sagt, die Bekenner der israelitischen Religionen seien in dem Vorurteil befangen, daß das jüdische Volk das auserwählte Volk Gottes sei. — Wir verlassen diesen Gegenstand, um auf jene Vergleichung des Christentums mit den: Jndentnme einzngehen. Wird, fragen wir, eine Religion dadurch zur Weltreligion, daß sie anfhört eine Volksreligion zu sein, daß sie aufhört, alle anderen Völker ansznschließen? Wie wäre es in dieser Beziehung dann mit dem Islam bestellt? Ist der Muhamedanismns eine Weltreligion oder eine Volksreligion? Sicher keine Volksreligion, denn wenn er auch von einem Volke ausgegangen ist, so hat er doch danach gestrebt, eine Weltreligio» zu werden, und hat sich über viele Länder ansgebreitet. Er ist bis in das Innere von Asien vorgedrnngen und hat dort den Völker:: die Gesittung gebracht. Aber was für eine Art von Weltreligion war er wirklich? Nun, meine Freunde, die Grundlage seines Wirkens bildet bekanntlich der Satz, daß zwar ein Jeder unter die Bekenner des Islam Aufnahme finden solle, aber unter der Bedingung, daß er bekennt: es giebt nur einen Gott, das ist Allah, und Mahomed ist sein Prophet der letzte der Propheten oder der einzige — wie wir das bezeichnen wollen. Heißt das nun eine Weltreligio»? heißt das, kein Volk ausschließen? Es heißt freilich, kein Volk als Volk ausschließen. Aber es heißt, Alle in jedem Volke ausschließen, welche sich dieser Bedingung nicht unterwerfen wollen. Ebenso steht es mit dem Christentume, welches hier eine Weltreligion genannt worden ist, überall, wo es sich als allein selig machende Kirche oder Religions-Gemeinschaft darstellt. Das Christentnn: ist ebenso partiknlaristisch, ebenso exklusiv, wie es dort der Religion des Judentums vorgeworfe» wird. — Also das Partiknlaristische und Exklusive, welches der Religion des Jndentnms dort vorgeworfen wird, wiederholt sich im Islam und im Christentume, sofern dieses eine allein selig machende Kirche zu sein behauptet, welche zwar kein Volk als Volk, aber Alle in jedem Volke ansschließt, welche sich den: Bekenntnis des Glaubens an Gott als dem drei-einigen, nicht unterwerfen.