Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-12-01 · Heft 12 (1.12.1891) · p. Seite 272

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 12 (1.12.1891)
Date
1891-12-01
Page
Seite 272 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969782-2969794--3388-2972982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

272 Versuchungen einer solchen Beurteilung, wir bei der Beurteilung des Judentums noch besonderen Gefahren ausgesetzt sind, deshalb, weil das Judentum eine Religion ist, deren Leben sich durch mehrere Jahrtausende hinzieht und welche, nach' der Zerstörung Jerusalems in weit von einander liegenden Ländern sich entwickelnd, sehr verschiedene Gestalten angenommen hat. Dieses alles in ein Bild zusammenznfasseu, stößt, offenbar auf die allergrößten Schwierigkeiten. Wir wissen, wie verschieden dasjenige Judentum, welches sich uni den Tempel sammelte und dort als die Beobachtung eines der Hanptgesetze die Darbringung der Opfer zu vollziehen hatte, von demjenigen Judentum ist, welches seine Geschichte mit der Zerstörung des Tempels beginnt, welches, da kein Tempel mehr vorhanden war, an die Stelle aller Opfer das Gebet gesetzt hat. Wir wissen wiederum, wie verschiedenartig auch dieses Jildentum von dem seit dem vorigen Jahrhundert sich entwickelnden modernen, aufgeklärten, von den, Reform-Judentum ist. Es ist uns allen auch bekannt, wie sehr sich, ehe diese Reformbestrebnngen innerhalb des Judentums begannen, das rabbinische Judentnm, welches an die das Mosaische Gesetz erklärende Überlieferung sich halten zu müssen meinte, von der Partei der Karäer unterschied, welche jedes Festhalten an der Ueberlieferuug verwerflich findet und allein die Mosaischen Gesetze zu halten sich verpflichtet fühlt. Es komnit dazu, daß eine neue Gefahr des Irrtums dadurch entsteht, daß wir bei jeder geschichtlichen Religion zu unterscheiden haben das, was sie zu einer bestimmten Zeit ist, und das, was sie nach den Wünschen und Bestrebungen der Gesammtheit oder eines Teiles ihrer Bekenner in der Zukunft werden soll. Wir müssen also unterscheiden die geschichtliche Religion, insofern unter derselben das verstanden wird, was sich zur Zeit in ihr entwickelt hat, und das Bild dieser Religion, wie sie sich in der Zukunft entwickeln soll und wahrscheinlicher Weise entwickeln wird. Wenn wir zwei geschichtliche Religionen, wie etwa das Christentum und das Judentum mit einander vergleichen, so versteht es sich ganz von selbst, daß wir nur den geschichtlichen Zustand des Christentums, wie er gegenwärtig besteht, mit dem gegenwärtig bestehenden Judentum vergleichen dürfen, oder andererseits das, was die Christen von ihrer Religion als einer Religion der Zukunft erhoffen, mit dem, was die Juden von ihrer Religion erwarten. Wenn nian aber das bestehende Judeutuni mit den, Ideal des Christentums vergleichen wollte, so würde das heißen, mit ungleichem Maße messen. Und das geschieht sehr oft. Es komnit hier auch ferner dazu, daß die Christen es nur selten vermeiden, durch ein der ferne» Vergangenheit augehöreudes einzelnes, zufälliges Ereignis ihr Gesammturteil über die Religion des Judentums beeinflussen zu lassen. Ich nenne die Hinrichtung Jesu von Nazareth deshalb ein einzelnes zufälliges Ereignis, weil sie das Ergebnis einer Vergewaltigung durch die Majorität des hohen Rates und durch einen dieser Majorität anhangenden Volkshaufen war. — Und andererseits wissen wir auch, daß es in dem Hohen Rate selbst eine Partei gab — in deren Namen hatte Gainaliel gesprochen — welche sich durchaus gegen diese fanatischen Anklagen der Majorität äußerte. Deshalb ineine ich, daß es von vornherein vermieden werden müßte, durch jenes der fernen Vergangenheit angehörende 'einzelne zufällige Ereignis sein Gesammturteil über eine geschichtliche Religion wie das Judentum beeinflussen zu lassen. Es ist dies selbstverständlich und dennoch für die Christen besonders schwer zu beobachten. Endlich werden wir auch nicht übersehen dürfen, daß, wenn wir einmal ein solches Gesammturteil über eine geschichtliche Religion wagen — und ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.