Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 271 - wenn er auch nur die Hälfte von seinem Lobesartikel wirklich geglaubt hat, einige Jahre später niit so leidenschaftlicher Gehässigkeit über Meyerbeer herfallen und alles früher Gesagte rundweg in das Gegenteil verwandeln kannte? Wir stehen vor einem Rätsel, aber vor keinem schönen." Wahrlich — der Spott des „Judentums in der Musik" kann Meyerbeer nicht treffen; der Pfeil schnellt vielmehr auf dxn Absender zurück! Gin Kyrist über die Iudenfrage *) Seit einiger Zeit beschäftigt die Frage nach dem Wesen und Charakter des Judentums wieder lebhafter die öffentliche Meinung. Uns kann das nur erwünscht sein, sofern wir uns dessen bewußt sind, daß die Menschen in der Beurteilung solcher Fragen stets dem Irrtum ansgesetzt sind und ausgesetzt bleiben. Jene lebhaftere Beschäftigung mit dem Jndentnme muß uns auch im eigenen Jntersse erwünscht sein, beim bei dem engen Zusammenleben und Zusammenwirken der Christen und Inden, wie wir es aus dem täglichen Leben kennen, kann eine richtige Vorstellung des Christentums kaum aufkommen, wenn die Auffassung des Judentums durch die Christen falsch ist, und umgekehrt. — So lange die Stimmen, welche diese Frage zu entscheiden unternehmen, sich ausschließlich aus der Partei der rechtgläubigen Christen der Landeskirche vernehmen ließen, hatten wir keine Veranlassung, unsererseits auf die Beantwortung derselben näher einzugehe», denn da wir die Grundsätze der rechtgläubigen Christen der Landeskirche verwerfen, so verstand es sich für uns von sebst, daß wir auch diejenigen Folgerungen, welche aus jenen Grundsätzen für die Beurteilung des Wesens und Charakters der Religion des Judentums zu ziehen waren, nicht billigen konnten. Da nun aber in den letzten Tagen die Entscheidung jener Frage auch von der Partei des Protestanten-Vereins in dem Hauptblatte desselben, in der Protestantischen Kircheuzeitung, unternommen worden ist, und diese Partei doch mancherlei Berührungspunkte mit den Bestrebungen der freien religiösen Gemeinden hat, so köniien wir uns der Pflicht nicht entziehen, zu prüfen, ob die Entscheidung der Frage, welche in diesem Blatte getroffen ist, nach unserer Ueberzeugung die richtige ist oder nicht. Zunächst haben wir aber zu prüfen, ob und inwieweit es den Christen gestattet ist, ein Gesammturteil über die Religion des Judentums zu fällen. Ich sage: ein Gesammturteil, denn es ist offenbar etwas Anderes — und dies ist eine Aufgabe, der wir uns nicht entziehen sollen — irgend welche einzelnen Vorstellungen religiös-sittlichen Inhaltes, welche wir aus den Schriften alter und neuer Zeiten oder aus mündlichen Bekenntnissen kennen, zum Gegenstände unserer Prüfung zu inacheu, uub etwas Anderes ist es, ein Gesammurtheil über die Religion des Judentilins zu füllen, wie es hier unternommen wird. Es ist, wie mir scheint, die äußerste Vorsicht geboten, nicht nur wenn man versucht, ein Gesammturtheil über geschichtliche Religionen zu fällen, sondern auch, wenn man sich überhaupt ein Gesammturteil bilden will. — Es kommt dazu, daß, abgesehen von den allgemeinen Schwierigkeiten und *) Aus „Rupps litterarischer Nachlaß," herausgegeben von P. Schultzky.