Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1889)
- Date
- 1889-12-01
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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270 „Ich befehle es dir." „Dann erst recht nicht," gab sie mit einem stolzeil Lächeln zur Antwort. „Ich bitte dich darum, Esterka." Sie sah jetzt den König an, nippte von dem Wein und reichte ihm den -Becher. Er setzte ihn an, genau an der Stelle, die ihre Lippen berührt hatten und leerte ihn auf einen Zug. „Auf dein Wohl, schöne Esterka!" Sie wurde rot und schlug die Augen nieder. „Wenn ich gewußt hätte, daß Opoczno einen solchen Schatz birgt, sagte der König hierauf zu seinem Gefolge, ich wäre nicht zum ersten Male in Opoczno und bei Meilech Gidoni." „Ihr scherzt wohl, mein Herr und König," sprach Esterka indem sie plötzlich die Augen zu ihm aufschlug, „denn ich kann nicht glauben, daß Ihr mich kränken wollt." Und ehe Kasimir Zeit hatte sie zurückzuhalten, war sie aus der Stube entflohen, und als der König fortritt, suchte er vergebens ihren Kopf an einem Fenster zu entdecken. -st * Einige Tage darauf sendete Kasimir der Große seinen Vertrauten, Wenglinski, nach Opoczno zu der schönen Jüdin. Er brachte Esterka reiche Geschenke an Juwelen, persischen golddurchwirkten Stoffen, kostbarem russischen Pelzwerk und Karawanenthee. Sie wies jedoch alles zurück und verweigerte Wenglinski die Unterredung, um die er sie bat. Eines Abends, als Esterka in ihre Kazabaika geschmiegt, beim Brunnen, der sich niitten auf dem Marktplatz befand, Wasser holte, stand plötzlich König Kasimir vor ihr. Sie erschrack im ersten Augenblick, gewann aber sofort wieder ihre Fassung und ihren ganzen Stolz. Der König hatte ihre Hand ergriffen. Esterka zog sie nicht zurück, aber sie sah ihn scharf und vorwurfsvoll an und sprach: „Was wollt Ihr! wenn die Leute uns sehen, ist es um mich, um meine Ehre geschehen." „Esterka, ich liebe dich." Sie schlug die Augen nieder. „Willst du mein sein?" „Darf ich denn?" erwiderte sie ruhig, „mein Herz gehört Euch, ich will es nicht leugnen. Aber Ihr seid ein König, und was noch schlimmer ist, ein Christ. Wenn Ihr ein armer Jude wäret, ich würde sofort Vater und Mutter verlassen und Euch folgen, so aber . . . lebt wohl ... und für immer." „Hör mich an, Esterka." „Ich habe Euch zu lange angehört." Sie machte sich los und ging rasch der Judengasse zu. Der König folgte ihr, und als er wieder an ihre Seite gelangt war, faßte er den Krug. „Was wollt Ihr?" „Dir den Krug tragen." „Das schickt sich nicht." Der König entwand ihr sanft den Krug und trug ihn ihr bis an die Schwelle ihres Hauses. Hier blieb sie stehen, den Kopf gesenkt und schwieg. „Was hast du?" fragte Kasimir- „Wiederholt mir, daß Ihr mich liebt." „So wahr ein Gott über uns beiden ist," sprach der König, „ein einziger und ewiger, so wahr liebe ich dich, mehr als alles."