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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-12-01 · Heft 12 (1.12.1889) · p. Seite 269

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 12 (1.12.1889)
Date
1889-12-01
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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269 im vollen Kerzenschein und aus dem Garten tönt wundersames Lautenspiel und melodischer Gesang herauf. Im goldstrotzenden Prachtgemach ruht auf weichen seidenen Kissen eines orientalischen Diwans ein schönes Weib, die schwarzen Haare mit Perlen durchflochten, den üppigen Leib in schwellendes Pelzwerk geschmiegt und auf dem Bärenfell zu ihren Füßen ein hoher, vornehmer Mann mit stolzem Adlerauge. Es ist Kasimir der Große, der König Polens, und das schöne. Weib, das ihn gefangen hält mit unzerreißbaren Banden, ist Esterka, die Jüdin von Opoczno. -1- * * , An einem kalten sonnigen Wintertag jagte König Kasimir in der Nähe von Opoczno. Ein Bär kam ans ihn zu. Der König rief ihn an, und als sich das Untier auf die Hinterbeine aufrichtete, ging er mit dem Jagdspeer auf dasselbe los. Der Bür fiel aus den ersten Stoß, aber im Fallen versuchte er den König zu umarmen, blieb mit der Kralle an dem Ärmel seines pelzbesetzten Leibrocks hängen und zerriß denselben von oben bis unten. Als die Jagd zu Ende war, ritt der König mit seinem Gefolge beim fröhlichen Klang der Hörner und dem Gebell der Meute in Opoczno ein und fragte nach einem Schneider, der ihm rasch den Schaden ausbessern könnte. Die Umstehenden wiesen auf das Haus des Meilech Gidoni, das Eckhaus in der Judengasse, und Kasimir ritt an dasselbe heran, stieg vom Pferd und trat in die Werkstatt des Meisters, der ihn ehrerbietig und verlegen begrüßte. „Nun, mein Freund," begann der König lächelnd, „heute soll dir dein Herzenswunsch erfüllt werden. Da jeder von Euch gern dem König am Zeuge flicken möchte, da ist er, thu dir keinen Zwang an und flicke mir den Ärmel, den mir der Bär zerrissen hat." Damit zog Kasimir mit Hilfe seiner Kämmerer den Leibrock aus und übergab ihn dem jüdischen Meister. Während Meilech Gidoni in begreiflicher Aufregung an dem königlichen Rock nähte, saß Kasimir auf einem Polstersitz in der Nähe der Thüre und ruhte aus. Plötzlich ging die Thüre des Nebenzimmers auf, und ein junges Mädchen trat herein, die schlanke Gestalt in ein faltenreiches Gewand von Seide und eine mit Pelz besetzte Kazabaika gehüllt, Korallen und Perlen um Hals und Arme, die langen, schwarzen Zöpfe mit Goldfäden durchflochten, rote Pantoffel an den kleinen Füßen. Sie trug auf einem silbernen Bret einen Becher mit Wein und Backwerk. Der König erhob sich und blickte starr in das schöne edle Gesicht, dem die kleine Adlernase und die aufgeworfene Oberlippe einen reizvollen Zug von Eigenwillen und Trotz verliehen, und in die großen schwarzen Samtaugen. „Wer ist das Mädchen?" fragte er endlich „Ich bin Esterka, die Tochter Meilechs," sagte sie mit einer hellen melodischen Stimme. Dann bot sie dem König den Becher. Er aber machte eine abwehrende Bewegung. „Verschmäht mein Herr die Gabe der Jüdin?" fragte sie, die Stirne leicht runzelnd. „Im Gegenteil, schöne Nymphe, ich wünsche, daß du mir den Trunk kredenzen sollst". „Ich bin keine Nymphe," erwiderte Esterka ruhig, „und meine Lippen sind nicht würdig den Rand des Bechers zu berühren, aus dem mein König trinkt."

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