Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1889)
- Date
- 1889-12-01
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969768-2969781--2754-2972949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
267 Würdig und ebenbürtig reiht er sich den großen Reform-Pionieren Geiger, Holdheim und Einhorn an. Sein Amt war ihm nicht Broterwerb. Als er, wie er selbst sagte, ohne einen Thaler Vermögen in seiner Tasche, in Dessau vor 51 Jahren in's Amt trat, da fühlte er, daß er einen inneren Beruf habe zu schaffen. Wie er sich an den Lehrquellen altjüdischer Weisheit zu Metz und zu Mainz sattgetrunken hatte, so erkannte er, daß er das Judentum durch Geistesarbeit von Innen heraus umgestalten helfen müßte. Doch anders als Einhorn und die übrigen süddeutschen Kollegen, die sich an der mystischen Schule Schelling'scher Philosophie das Gemüt gelabt hatten, hatte er an der scharfen Logik und Dialektik Hegel's sich den Verstand geübt und gestählt. Wie vor 2000 Jahren Philo in Alexandrien unternomnien hatte, das alte Bibelwort in griechische Gedankenform umzugießen, so versuchte Samuel Hirsch das vom Meister Hegel selbst verhöhnte Judentum zum Träger des modernsten Gedankens der Humanität zu machen und schrieb im Jahre 1842 ein Werk, das Aufsehen machte, eine jüdische Philosophie. Festgezimmert war sein System wie Stein an Stein fast ohne Mörtel, gereiht sind die Gedanken, ohne daß der Phantasie viel Spielraum, der Poesie der Schwung gelassen wird. Alles wird zur Idee, Sage und Satzung zum Sinnbild, zur Symbolik Alles. Diese Hegel'sche Dialektik aber lieh ihm eine bewundernswerte Frische des Geistes, die ihn bis allerletzt jung erhielt. Ihm waren die modernsten Forschungen mit ihren kühnen Resultaten und scharfen Problemen noch immer sympathisch. Er befreundete sich mit der Darwinischen Fortentwicklungsidee so gut wie mit dem Gedanken der socialen Ethik; er sah in allem den notwendigen Evolutionsprozeß der Menschheit und mit gewohnter, dialektischer Schärfe las er die modernen Ideen aus der Bibel und der rabbinischen Tradition heraus. Ihm war eben das Judenthum nicht starres Gesetz, sondern Lehre, und sein Hauptziel war darauf gerichtet, Judentum und Christentum auf der Basis einer großen Humanitätsreligion, auf Grund der alten Sinaiwahrheit zu vereinen und zu verschmelzen. Seine Gegner haben ihn oft der Vorliebe für christliche Ideen angeklagt. Allein er war einer der Ersten, die gegen die kirchliche Engherzigkeit und das Vorurtheil christlicher Judenfeinde den Kampf geführt, und sich damit den Ehrennamen des Verteidigers des Judentums erworben haben. Und so war er der Erste, der in den Rabbinerversammlungen für die Neu- und Besiergeftaltung des Sabbath muthig auftrat. Und zuversichtsvoll, unerschütterlich hielt er an dem prophetischen Zukunftsideal eines Weltensabbats, einer die Menschheit umspannenden Religion fest, und er war und blieb auf freiem amerikanischem Boden der allerradicalste Fortschrittsherold des Judentums. Doch nicht aus leichtsinniger Neuerungssucht, sondern aus Prinzip. Ihm war alles aus einem Kerngedanken hervorgewachsen, aus einem Prinzip, um keinen Preis der Welt opferte er etwas von seinem Prinzip. Das machte ihn freilich oft scharf, schneidig, hart und unnachgiebig. Aber es war das der Kern seines Wesens, seiner Persönlichkeit. Er war von solchem festen Charakter, daß er jeden Schritt mied, der nicht aus seinem Prinzip floß, und jede Augen- und Menschendienerei, jede Heuchlerei haßte. Er strebte nicht nach Volksgunst. Er kannte keine Menschenfurcht. Gleich den großen Propheten verschmähte er die Popularität. „Nicht heute, morgen wird Gott zeigen, wer Sein ist und den, den er erwählt, sich nahe bringen" dachte und fühlte er. So hat er als Prediger und Reformer, als Jugendlehrer und Schriftsteller gewirkt. Und wie die Schüler ihrem Meister Jochanan ben Sakkai, so rufen wir dem Verewigten nach: 23*